Brot und Spiele

Es soll ja Menschen geben, die der Vorstellung erliegen, die Polit-Quasselrunden im deutschen Fernsehen dienten der Information der Zuschauer und bedienten sich dabei des gepflegten Diskurses auf intellektuell hohem Niveau.

Es mag sein, daß irgendein Redakteur des SFB, der die Urmutter dieser Art moderner Gladiatorenkämpfe, die Sendung „Freitagnacht“, erdacht und realisiert hat, tatsächlich dieses Ziel im Auge gehabt hat. Spätestens seit „Sabine Christiansen“ jedoch ist deutlich geworden, daß es zuvorderst, wie immer im TV, um Quote und somit um Geld geht. Nicht für die TV-Anstalt, die diese Sendungen zur besten Sendezeit unters Volk streuen, sondern für die Frontfrauen und –männer, die, geschäftstüchtigerweise, ihre Sendungen mit eigenen Firmen produzieren und somit den Gebührenzahler doppelt abkassieren, als Mitarbeiter des Senders und als Inhaber der Produktionsfirma.

Letzteres wäre noch zu verschmerzen, wenn da nicht diese offensichtliche Regie wäre, mit der der unbedarfte Zuschauer, um es mal auf den Punkt zu bringen, veralbert wird. Sehr gut zu beobachten in der Sendung „Anne Will“ vom 07.11.2010. Es „diskutierten“ sechs Gäste, zwei davon aktive Politiker (ohne die das Konzept der Sendungen offenbar nicht aufgeht), über die neue Kultur der eingeforderten Mitsprache durch das Bürgertum, von den Medien und der entsetzten Politik als „Dagegen-Kultur“ verunglimpft. Aufhänger des Themas natürlich der Bahnhof in Stuttgart und das Zwischenlager in Gorleben.

Es wäre durchaus möglich gewesen, dieses brisante Thema, trotz anwesender Politiker, in einem ruhigen Fahrwasser anzugehen. Nicht so Frau Will, die als erstes dem anwesenden, schon in der Vergangenheit durch sein nassforsches Auftreten unangenehm aufgefallenen, jungdynamischen Liberalen gezielt Stichworte hinwarf, die dieser sofort nutzte, um dem Grünen in der Runde die angebliche Nähe sowohl seiner Partei als auch ihm selbst zu Terroristen und Autonomen zu unterstellen und somit die Zuschauer gleich in die entsprechenden Lager zu spalten, die sicherstellt, daß die Aufregungsrepublik denn auch bis zum Ende der Sendung dabei bleibt.

Dankenswerterweise war der anwesende Grüne intelligent genug, diese Provokation nicht aufzunehmen, so daß, trotz mehrfacher Versuche der Gesprächsleitung, das Feuer weiter zu entfachen, diese durchsichtige Manipulation nicht ganz die erhoffte Wirkung entfalten konnte. Immerhin dauere es aber doch mehr als fünf Minuten, bevor ein anderer der anwesenden Gäste die Möglichkeit hatte, sich am Gespräch zu beteiligen und damit das intellektuelle Niveau des Gesprächs anheben konnte.

In diesem Zusammenhang sei angemerkt, daß die Kunst und die Kultur der Gesprächsführung in Kreisen der Politiker offenbar bewußt oder mangels besserem Wissen außer Acht gelassen wird. Das Zwischen- und Niederreden ist mittlerweile zum Normalfall geworden, so daß sich der kultur- und bildungsbeflissene Zuschauer, der allerdings auch nicht zur Zielgruppe dieser Art Sendungen zählt, sowenig, wie er seinerzeit der Zielgruppe der Gladiatorenkämpfe im alten Rom zuzurechnen war, mit Grausen abwendet.

Bleibt nur festzuhalten, wer sich politisch bilden und informieren will, kommt auch weiterhin nicht umhin, sein Gehirn selbst zu benutzen, grundsätzlich alles zuerst in Frage zu stellen und sich erst anhand von Fakten Meinungen zu bilden, nie ohne die Frage „Cui bono“ im Hinterkopf zu halten.

Talk-Shows im Fernsehen dienen ausschließlich dem Zeitvertreib der unterhaltungsaffinen Massen und der Geldvermehrung der Talkmaster. Mitunter bedauert man als Chronist jedoch die fehlende Möglichkeit, wie seinerzeit im Circus Maximus, die weitere politische Zukunft mancher Teilnehmer mittels Daumenstellung beeinflussen zu können. Da war das Volk von Rom doch mächtiger als wir heute.

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Ein Kommentar zu Brot und Spiele

  1. myspaceopfer sagt:

    naja – was hast du erwartet? da sitzen ein paar pappnasen und unterhalten sich. egal ob man nun auf rtl oder arte eine derartige sendung guckt kann dabei in der begrenzten (sende)zeit doch garnichts rumkommen wenn 4 bis 6 leute gleichzeitig etwas sagen wollen.

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