Angst essen Seele auf

Diesen Satz legte einst Rainer Werner Fassbinder seinem Protagonisten im gleichnamigen Spielfilm als Volksweisheit in den Mund. Volksweisheiten, so kann man sicher sein, tragen immer mindestens ein Körnchen Wahrheit in sich, entstanden sie doch aus langer Erfahrung vieler Menschen über viele Jahre und drücken eine Erkenntnis dieser Menschen aus, die irgendwann zum allgemein anerkannten Faktum geworden ist.

Angst ist ein Grundgefühl, das gerade den Deutschen von anderen Nationen immer als typisch nachgesagt wird, so daß im angloamerikanischen Sprachraum gern von der „German Angst“ gesprochen wird. Aber ist die „German Angst“ wirklich das, was man landläufig unter Angst versteht?

Sieht man sich diese „German Angst“ näher an, stellt man fest, daß es sich bei diesem Zustand weniger um eine generelle Gefühls- oder Seelenlage handelt, als vielmehr um eine aus der deutschen Geschichte resultierende, rational begründete, Grundskepsis gegenüber allem, was mit der Werbung entliehenen emotionalen Verstärkungsvokabeln verbunden ist.

Eigenartigerweise ist gerade in konservativen Kreisen diese Skepsis immer wieder Gegenstand heftiger Kritik an eben jenen Skeptikern, die dann gern mit Schmähungen wie Zukunftsverhinderer, Fortschrittsverweigerer und Ähnlichem belegt werden. Die oben schon beschriebene Wortschöpfung der „German Angst“ ist dabei ein beliebtes Mittel, mit Hinweis auf die zukunftsfähigen Angloamerikaner jene Skeptiker als rückständig zu brandmarken. „Seht nur, das Ausland lacht schon über uns.“ Nebenbei: Besser lachen, als begründet ängstlich zu den Waffen greifen, wie im vergangenen Jahrhundert mehrfach geschehen.

An dieser Stelle seien zwei Hinweise gestattet.

1. Nach dem Zusammenbruch der zukunftsträchtigen Finanzmärkte in eben diesen Ländern findet deren angeblicher Vorbildcharakter hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit erstaunlicherweise etwas seltener Eingang in die allgemeine Argumentation jener konservativen Kreise.

2. Gerade dem Volk der Amerikaner, das allen Zukunftstechnologien mit einer geradezu niedlichen und kindlichen Unbekümmertheit entgegen blickt (man denke nur an die tausenden Soldaten, die sich die erste A-Bomben-Explosion in Neu-Mexiko aus nächster Nähe angeschaut haben), wohnt andererseits eine derartig starke, rational nicht zu fassende, Grundangst vor Gewalt, Unfreiheit und Kriminalität inne, daß der aufgeklärte und weniger bibelfeste Mitteleuropäer nur belustigt bis mitleidig den Kopf schüttelt.

Warum aber ist es nun eigenartig, daß die als Angst bezeichnete Skepsis der Deutschen gerade von Konservativen so vehement bekämpft wird?

Nun, sehen wir uns die Nachrichten und Verlautbarungen der letzten Monate an.
Der Innenminister spricht von möglichen Terroranschlägen auf deutsche Bahnhöfe und Flughäfen. Der Verteidigungsminister spricht von Gefahr für die Bundeswehr in den Feldlagern. Die Länderinnenminister von Hessen und Niedersachsen sowie der Innensenator von Hamburg reden von der Notwendigkeit, sich mittels militärischen Mitteln gegen diverse, wie auch immer geartete Bedrohungen von Terroristen zur Wehr zu setzen. Alle diese Verlautbarungen immer garniert mit dem Hinweis, daß kein Grund zur Panik bestehe. Aber Angst haben sollen wir schon. Sonst wäre es nicht notwendig, diese Nachrichten in der Öffentlichkeit zu plazieren. Der Innenminister von Baden-Württemberg hält sich übrigens bei dieser Thematik aus naheliegenden Gründen etwas zurück.

Und was passiert? Das Volk der ängstlichen Skeptiker bleibt völlig gelassen. Von Angst keine Spur. Im Gegenteil. Befragungen auf der Straße zeigen, daß das Volk offenbar sogar belustigt ist von dem hilflosen Versuch der konservativen Scharfmacher, den Boden für die Einführung von Militäraktionen im Innern und erneutem Eingriff in die Bürgerrechte zu bereiten. Niemand hat es gesagt, aber zwischen den Zeilen manches Interviewpartners auf der Straße stand der Satz: „Die armen Irren“, und damit waren nicht die fiktiven Terroristen gemeint. Als die Angstverkäufer nicht den gewünschten Erfolg erreichten, erfolgte ein weiterer Versuch; mit gefundenen Druckerbomben in Frachtflugzeugen sollte die Terrorgefahr greifbarer werden. Dieser Versuch verpufft ebenso. Bleibt zu hoffen, daß es bei diesem letzten Versuch bleibt und nicht weitere Szenarien „aufgedeckt“ werden. Vielleicht sollte das Volk wenigstens mal ein ganz klein wenig Angst zeigen.

Ein weiterer Themenkomplex ist die schon 2009 mit viel medialer Begleitung erste Welle der Schweinegrippe, bei der es ein eklatantes Mißverhältnis zwischen dem Bedürfnis der Pharmaindustrie nach Absatz von Impfstoffen und der Bereitschaft der Bürger nach Impfungen gab, was zu einer sich immer mehr verstärkenden Informationskampagne seitens der Politik und der Industrie führte, ohne den erhofften Erfolg zu zeitigen. Momentan rollt gerade der Impfkampagne zweiter Welle, werbewirksam untermalt von zwei Toten und einem vor Betroffenheit triefenden Auftritt einer Ministerin. Polemischer Einwurf am Rande: Wann werden die Bürger gegen Unfalltod geimpft? Oder gegen Herzinfarkt ?
Aber auch jetzt wieder, von Angst oder gar Panik keine Spur. Nur von Skepsis.

Skepsis ? War da nicht was? Jetzt sieht man das Problem der Konservativen deutlich. Konservative haben eine starke Affinität zu Eliten und sehen es gern, wenn diese Eliten Entscheidungshoheit für den Rest des Volkes haben. Da diese Entscheidungen nicht immer mehrheitsfähig sind, haben die Römer das Mittel „Brot und Spiele“ angewendet, Orwell beschreibt in seinem Standardwerk die Vorteile des Mittels „Angsterzeugung“.

Erzeugen von Angst ist ein sehr wirksames Hilfsmittel, Menschen zu etwas zu bringen, was sie unter normalen Umständen nicht tun würden. Angst schaltet den Verstand und das Denken aus. Skepsis dagegen basiert gerade auf der ordnungsgemäß funktionierenden Verstandesmaschine und setzt den Denkprozeß in Gang. Wer denkt, der ist. Und wer ist, der ist mündig. Und wer mündig ist, der ist aufgeklärt und stellt Fragen. Fragen, deren Beantwortung nicht immer im Sinne der Befragten und der Eliten ist. Mitunter werden Fragen dann mit Wasserwerfern beantwortet, das kann die Frager möglicherweise eine Weile ablenken. Aber daraus es ergeben sich neue Fragen. Und es erscheinen in der Regel noch mehr Frager, die Antworten erwarten.

Angst essen Seele auf, Skepsis dagegen stärkt den Verstand und damit das Bewußtsein und letztlich auch die Seele. Man mag es da mit jenen Galliern aus der Bretagne halten, die nichts fürchteten, als das ihnen der Himmel auf den Kopf fiele. Dazu noch eine alte Volksweisheit: Bange machen gilt nicht!

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Ein Kommentar zu Angst essen Seele auf

  1. Peter Kubbeit sagt:

    Die Länderinnenminister von Hessen und Niedersachsen sowie der Innensenator von Hamburg reden von der Notwendigkeit, sich mittels militärischen Mitteln gegen diverse, wie auch immer geartete Bedrohungen von Terroristen zur Wehr zu setzen.
    Hallo Andreas,
    zu dem von mir eingefügten Ausschnitt Deines Artikels möchte ich folgende Info weitergeben.
    Habe vor einigen Wochen ein interessantes Gespräch mit einem Zeitsoldaten der Bundeswehr geführt(Stationiert in Hamburg Blankenese).
    Dieser teilte mir mit,das dort schon des längeren ein hochmoderner Wasserwerfer der technischen Extraklasse stationiert ist und die dem entsprechende Begleitbesatzung mit Schlagwaffen usw.ausgebildet werden.Die Anschaffung eines weiteren Wasserwerfers sei schon beschossen.
    Frage:Welche Angst ist größer.
    Die Angst der Politiker vor einem endlich irgenwann(hoffentlich bald)konkret handeldem Volk,oder unsere Angst vor hemmungslosen Politikern,die sich an keine Gesetze und “moralischen Werte” mehr halten.Die sich auch nicht an den Amtseid den sie einst geleistet haben, nicht mehr erinnern können.
    Wir sollten sie daran erinnern und uns selbst an die Macht die man als Masse hat.
    Leider kann man nicht mit der Unterstützung von sog.Linksparteien oder gar politisch denken Gewerkschaften rechnen.
    Es grüßt Peter

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