Klartext !

Was machte Karl Theodor zu Guttenberg beim gemeinen Wahlvolk so beliebt, daß ihm selbst bei nachgewiesenen Verfehlungen die Sympathie der Massen nicht entzogen wurde? Sein Adelstitel? Sein eloquentes Auftreten? Seine vermeintlich „gestyltes“ Erscheinung? Oder war es doch eher sein Hang, Dinge beim Namen zu nennen, auch wenn es einerseits recht plakativ eingesetzt und andererseits „von oben“ nicht gewünscht war? Zugegeben, auch er hat den Krieg in Afghanistan eher verbrämt als solches bezeichnet, aber immerhin hat die Vokabel „Krieg“ mit seiner Betrachtung Einzug in die offizielle Sprachregelung der Regierung gehalten.

Was ist es, das Menschen davon abhält, offen zu sagen was sie denken, während sie gleichzeitig, wie aktuell bei der Reaktorkatastrophe in Japan zu beobachten, mit Superlativen, und seien sie noch so unsinnig, um sich werfen, um Zustände zu beschreiben, die sowieso jeder sehen und bewerten kann?

In der Politik ist es klar. Jeder Politiker lebt, anders als noch Strauss, Wehner oder Schmidt, ständig in der Angst, nicht auf der Höhe des Zeitgeistes zu sein und damit vermeintlich seine Wiederwahl und seine Existenzgrundlage zu verlieren. Außer Politik können eben viele nichts und noch nicht mal das wirklich gut.

Aber dieses Phänomen ist auch außerhalb dieses Mikrokosmos zu finden. Political Correctness ist der amerikanisch geprägte Terminus dafür. Die Vermeidung, mit der eigenen Meinung evtl. jemand anderen zu verletzen, weil dieser eine andere Meinung hat, das Anliegen, das dahinter steckt. – Könnte man meinen. Aber ist es wirklich an dem?

Schauen wir zurück. Genauer gesagt bis 1984; oder besser 1949, dem Erscheinungsjahr besagten Romans. Dort wird eine Behörde beschrieben, die es zur Aufgabe hat, Worte und Satzteile, deren Inhalte aus dem sprachlichen Kontext negativ besetzt sind, gegen positiv klingende Worte auszutauschen. Aus „sehr schlecht“ – das negativ besetzte Wort „schlecht“ wird durch das neutrale „sehr“ in seiner negativen Wirkung noch verstärkt – wird „doppelplusungut“. Die einzige negative Silbe „un“ wird durch die vorgestellten positiven Worte „doppel“ und „plus“ vorbereitend relativiert und durch das nachgestellte „gut“ weiter abgeschwächt.

Das macht deutlich, daß hinter „Political Correctness“ nicht ausschließlich philanthropische Absichten zu vermuten sein könnten. Vielmehr sieht sich dieses moderne Neusprech dem Verdacht ausgesetzt, den Bürger über wahre Absichten, Folgen oder Zustände gezielt hinters Licht zu führen.

Unfälle in Kernkraftwerken werden dann zu „Störfällen“ (In Japan sprach man selbst nach der zweiten Explosion noch von einem Störfall), Entlassungen von Mitarbeitern zu „Freisetzungen“, Kriege zu „Konflikten“ oder allenfalls zu „bewaffneten Konflikten“ und zerfetzte und krepierende Soldaten zu „Gefallenen“.

Andererseits, deutlich zu sagen, was man denkt und meint, ohne Blatt vor dem Mund und auch ohne Angst, dafür Gegenwind zu ernten, ist jedermanns Sache nicht. Nicht jeder ist ein Thilo Sarrazin, ein Ralph Giordano oder ein Henryk M. Broder, die sich mit provokanten Thesen einem Trommelfeuer von selbst ernannten Meinungsführern ausgesetzt sehen, deren Meinungen ob ihrer Beliebigkeit im Grunde gar nicht klar zu erkennen sind.
Vielleicht auch das ein Grund für den Hang, lieber in Verbrämung statt im Klartext zu reden.

Aber ist der Bürger tatsächlich so darauf erpicht, von allem nur die weichgespülten Versionen zu erfahren? Hält er die klar formulierte und mitunter pointiert zugespitzte Meinung gar nicht mehr aus?
Ich glaube, wie man am Beispiel Sarrazin und Guttenberg erkennen kann, nein!. Der Bürger will endlich Menschen, die ihm Wahrheiten und Meinungen sagen, und seien sie noch so subjektiv gefärbt. Die mit klarer Kante die Möglichkeit zur Gegenrede schaffen. Die Gespräche, Diskussionen und vor allem auch Diskurse zulassen oder gar provozieren. Die Standpunkte beziehen, die man angreifen, gegen die man argumentieren und die man zur Not auch einnehmen kann, wenn die Argumente des Gegenübers als die besseren erkannt werden.

Um evtl. Einwenden gegenüber zu treten, nein, ich halte die inszenierten Gladiatorenrunden in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten von Will, Maischberger, Illner oder Plasberg nicht für echte Diskurse. Dafür sitzen dort zu viele mediengerechte Maulhelden aus der Politik und Wirtschaft, die seit Jahren keine produktive Arbeit mehr leisten sondern nur noch bezahlte Verbalakrobatik in quotenorientierten Kampfarenen betreiben. Sie sind Teil der Show und damit des Problems aber nicht mehr Teil der Lösung.

Stellung beziehen, ist das, was der Bürger von seinen Mitbürgern, ob oben oder unten, erwartet. Weil wir alle genau diese Stellungen und Haltungen anderer zur eigenen Standortbestimmung benötigen.

Das ist die Botschaft der Bürger an die Politik. Bezieht endlich Stellung. Auch auf die Gefahr hin, mit dieser Haltung in die Minderheit zu geraten. Mit Argumenten kann man daraus auch wieder Mehrheiten gewinnen. Und wenn ihr nicht Stellung bezieht, dann tun wir es. Wie in Stuttgart zum Thema Bahnhof, im Wendland zum Thema Atomkraft, in Hamburg zum Thema Schulpolitik, auf allen Plätzen und Märkten zu jedem beliebigen anderen Thema.
Mit Wischi-Waschi verliert sich der Glaube in die Kraft der Demokratie. Daß diese dabei irgendwann auf der Strecke bleibt, gilt es zu verhindern. Das geht uns alle an.

In diesem Sinne: Klartext reden!

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Politik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.