Von Rechts wegen blind

Deutschland ist ein merkwürdiges Land. Deutschland leistete sich einen Kanzleramtschef, der ein Kommentator der Nürnberger Rassegesetze war. Deutschland leistete sich einen Vertriebenenminister, der eine zweifelhafte Vergangenheit in NSDAP und Abwehr hatte. Deutschland zahlte Hinterbliebenenpensionen an die Witwe eines VGH-Richters, der nachweislich Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatte. Deutschland leistete sich einen Bundeskanzler, der bis zum Niedergang 1945 Mitglied der NSDAP war. Deutschland leistete es sich, keinen einzigen der furchtbaren Juristen der Nazizeit juristisch zur Verantwortung zu ziehen.

Daneben gehörte es lange zum guten Ton, den ersten Bundeskanzler der SPD als Vaterlandsverräter zu verunglimpfen, weil er Deutschland während der Nazizeit verlassen hat und den Fraktionsvorsitzenden derselben Partei als Mitglied der fünften Kolonne Moskaus zu beschimpfen, weil er früher Mitglied der KPD war. Ein Bundespräsident, der den 8.Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnet hatte, wurde nur deshalb von öffentlicher Schelte verschont, weil es zu dem Zeitpunkt unpopulär war, über einen im Ausland geachteten Mann derart kleinbürgerlich herzufallen. Aber die in der Tasche geballten Fäuste und die am Stammtisch gezischten Worte vom „Verräter“ gab es gleichwohl.

Des Weiteren war es eine beliebte Floskel, Menschen, die gesellschaftliche Visionen von Gleichheit und Brüderlichkeit verfolgten, aufzufordern, „nach drüben“ zu gehen, zumindest solange, wie es „drüben“ noch gab.

Genau dieses Deutschland, das sich kollektiv auf Terroristenhatz begab, als Randfiguren der 68er-Bewegung in den Untergrund abdrifteten, forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe, als die ersten RAF-Prozesse begannen. Dieses Deutschland ist angesichts der mehr als 200 Gewaltverbrechen rechter Schlagetots merkwürdig stumm geblieben. Keine öffentliche Hatz auf Glatzen, keine Fahndungshysterie mit Kopfgeldplakaten á la Baader-Meinhof-Bande. Keine Forderung aus dem Volke nach Verbot von rechten Parteien oder gar nach Todesstrafe für diese hirnlosen Gewaltverbrecher und deren geistige Steigbügelhalter, die klug genug sind, sich im Hintergrund zu halten wie seinerzeit hoch geachtete Personen der deutschen Rechtspflege, die anonym Beiträge für Hetzblätter der rechten Szene schrieben.

Kann es daran liegen, daß die Baaders die Bürger und deren oberste Repräsentanten bedrohten und die Glatzen mit ihrer Gewalt nur Ausländer, Linke und Obdachlose? Menschen, die dem deutschen Standardbürger schon immer zutiefst suspekt waren und sind?

Ist in Deutschland nicht mal ein Bundestagspräsident darüber gestolpert, daß er richtige Dinge am falschen Ort ausgesprochen hatte, indem er dem deutschen Bürgertum klammheimliche Ressentiments gegen in deren Augen Andersartiges unterstellte und damit den Judenhass meinte?
Ist er etwa nicht nur wegen des unpassenden Ortes geschaßt worden, an dem er diese Gedanken ausgebreitet hatte, sondern weil er unangenehme Wahrheiten offen angesprochen hatte?

Deutschland ist nicht einäugig. Das zu behaupten, wäre falsch. Deutschland hatte nach der Radikalkur von 1939 – 45 beide Augen geschlossen. Nach 1945 hat es zuerst nur das linke Auge geöffnet und mit dem rechten etwas geblinzelt, bis dieses 1968 gewaltsam geöffnet wurde. Gleichwohl bleibt auf dem rechten Auge eine latente Sehschwäche erhalten, die offenbar nicht mit Sehhilfen, sondern nur mit Langzeittherapie in den Ursachen zu beheben ist. Und Langzeit ist in diesem Falle wörtlich zu nehmen. 12 Jahre Krankheit und 65 Jahre Rekonvaleszenz sind offenbar noch nicht genug. Im Gegenteil. Die seit den 1970er Jahren langsam besser werdende Sehkraft scheint wieder nachzulassen. Und die Zeitzeugen sterben aus. Wir Nachgeborenen sollten uns endlich für die Weiterführung der Therapie verantwortlich fühlen.

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Ein Kommentar zu Von Rechts wegen blind

  1. Peter Kubbeit sagt:

    Lieber Andreas,
    immer wieder gerne lese ich Deine Kommentare bzw.Ansichten zu aktuellen politischen-gesellschaftlichen Ereignissen.
    Aber nun zu “Von rechts wegen blind”.
    In dieser, unserer Republik gab es noch nie eine Einstellung für einen offenen Umgang mit den Problemen der Vergangenheit sowie der Zukunft.
    Es wurden und werden immer nur “Gesellschaftsgruppen” gesucht an denen man sich reiben kann und die an allem “Schuld” sind.
    Dieses ist leider durchgängig von ganz unten bis ganz oben.
    Allerdings aus verschiedenen Beweggründen.
    Die “Oben” wollen oben bleiben, mit aller “MACHT”, und die unten werden medial dementsprechend bearbeitet.
    Es gibt einen kleinen Prozentsatz, welche diese durchschauen und wenn jene nicht mehr ignoriert werden können,versucht man sie in das machtpolitische Karussell einzubinden. Was auch leider immer wieder gelingt (siehe GAL und DIE LINKE).
    Muss man erst radikal werden? Um sich politisch ehrlicher mit den Problemen auseinander zu setzen. Geht nicht, passt nicht in die Hackordnung.
    Es grüßt ein, ehemalig hoffnungsvoller “WASGler”.

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