Wer von uns ohne Schuld ist …

Ein alter Mann schreibt einige Zeilen, veröffentlicht diese und es erhebt sich ein Sturm, der mit Entrüstung nur unzureichend beschrieben ist.

Wer ist dieser alte Mann. Ein Mann, der in seiner frühesten Jugend das Pech gehabt hat, in eine Organisation eingezogen zu werden, die als Handlanger für das monströseste Verbrechen seit Menschengedenken fungiert hat. Er war weder freiwillig da, noch hat er in späteren Jahren auch nur den Anflug eines Verdachtes genährt, sich auch nur ansatzweise mit den Zielen dieses Verbrecherhaufens identifiziert zu haben.

Jahre später steht er für das andere, das geläuterte Deutschland, ist dessen mahnendes Gewissen, vermutlich auch aus dem, leider allzulange verschwiegenen, Wissen um die eigene Vergangenheit und wie leicht man Teil eines mörderischen Systems werden kann.

Diesem Mann wurde, spät aber immerhin, die Ehre des Literaturnobelpreises zu Teil, er steht in einer Reihe mit Gerhart Hauptmann, Thomas Mann und Heinrich Böll.

Dieser Mann schreibt ein paar Zeilen, in denen er sich Gedanken über die Zukunft macht, die Zukunft, die gerade jetzt unter dem Eindruck eines drohenden Atomkrieges im Nahen Osten wieder jene düstere Endzeitattitüde zu bekommen scheint, mit der wir die 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts verbinden, in denen sich Systeme gegenüberstanden, die in der Lage waren, sich 64mal zu vernichten. Als ob einmal nicht genügt hätte.

Man kann über den Inhalt des Gedichtes trefflich streiten. Ob Israel, oder doch vielleicht der Iran, oder gar die NATO mit ihrer abenteuerlichen Parteinahme im Aufstand der Libyer gegen Gaddafi den Weltfrieden gefährden. Ich denke, man kann, je nach Blickwinkel, zu immer wieder anderen Ergebnissen kommen.

Darum geht es mir jedoch nicht. Mir geht es um die Art, in der die bundesdeutsche Öffentlichkeit oder besser gesagt, die bundesdeutsche veröffentlichte Öffentlichkeit auf diese Zeilen reagiert.

Die einen, bar jeden Talents, einen geraden Satz zu Papier geschweige denn, ins Mikrofon zu bringen, sprechen dem vom Verfasser Gedicht genannten Text jegliche Schöpfungstiefe ab, bezeichnen es gar als unliterarisches Geschreibsel oder „Leserbrief“.

Andere wiederum, die in ihrer Jugend Musikgruppen gemanaged haben, die in ihren Liedtexten zu Gewalt aufgefordert haben oder die Mitglieder in von einem mörderischen Grenzregime finanzierten kommunistisch Kadergruppen waren oder die mit Steinen in der Hand gegen „das Establishment“ anprotestiert haben, sind sich nicht zu blöde, mit staatstragender Miene auf die SS-Vergangenheit des Verfassers hinzuweisen, immer frei nach dem Motto, wenn zwei das Gleiche tun, ist es lange noch nicht das Gleiche.

Sie alle nehmen für sich in Anspruch, ihre eigenen Jugendsünden möge man ihnen bitte vergeben, sie seien heute geläutert, einem 17jährigen unfreiwilligen SS-„Mann“ jedoch wollen sie diese Vergebung nicht zugestehen. Im Gegenteil, sie gebärden sich wie Inquisitoren im tiefsten Mittelalter.

Wer sind diese Menschen, die sich selbst auf ein Podest begeben, von dem aus sie die Welt betrachten, völlig abgehoben, von eigenen Fehlern befreit und mit einer Moral ausgestattet, die sie gegen andere kehren, gegen sich selbst jedoch nie gelten lassen würden?

Die mit ihrer unseligen „political correctness“ gegen jede abweichende Meinung zu Felde ziehen und sie mit Totschlagargumenten wie „Antisemitismus“ oder „Antizionismus“ zu unterdrücken versuchen? Die mittlerweile eine System von Gesinnungsschnüffelei etabliert haben, die es nicht einmal möglich machen, Unrecht als Unrecht zu bezeichnen, wenn es jemand tut, den man in ihren Augen nicht kritisieren darf?

Es sind die, die einst angetreten. sind, unseren Großeltern Fragen nach deren Verantwortung für millionenfaches Leid zu stellen und sie zur Antwort zu zwingen, um zu verhindern, das jemals wieder so ein Ungeist der Angst, Gedankenunfreiheit oder Unterdrückung von Meinungen entsteht, wie in den Nazijahren in Deutschland.
Wir sind weit davon entfernt, je wieder solche Zustände in Deutschland zu bekommen. Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, daß Diktaturen im Kopf entstehen. Und zwar dann, wenn man bereit ist, andere Meinungen nicht mehr zuzulassen bzw. deren Verbreitung verbieten zu wollen. Schon das Wollen ist der Sündenfall. Das Tun ist nur die logische Folge.

Und wir sollten uns hüten, den Inhalt eines Textes dazu zu benutzen, den Menschen, der ihn verfaßt hat, zu verunglimpfen und ihm die Ehre abzuschneiden. Das führt geradewegs in die geistige Bücherverbrennung.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Und wer von uns ohne Schuld ist…

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Ein Kommentar zu Wer von uns ohne Schuld ist …

  1. Volkmar sagt:

    Das gefällt mir auch sehr gut, nur waren die Verbrecher, die das mörderische Grenzregime leiteten, alles, nur keine Kommunisten!
    Einen Absatz kann man besser nicht formulieren, schreiben, wie auch immer. Diesen sollte man sich jeden Tag und überall wo man mit der Meinung der anderen konfrontiert wird, nicht nur vor Augen halten:

    “Wir sollten uns aber darüber im Klaren sein, daß Diktaturen im Kopf entstehen. Und zwar dann, wenn man bereit ist, andere Meinungen nicht mehr zuzulassen bzw. deren Verbreitung verbieten zu wollen. Schon das Wollen ist der Sündenfall. Das Tun ist nur die logische Folge.”

    So ist es!

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