Wir wollen lernen !

Ja. Punkt. Jeder Mensch, der etwas auf sich hält, wird diese Aussage für sich bejahen. Lernen ist ein lebenslanger Prozeß, der auf dem Sterbebett nicht aufhört, da mancher erst dort lernt, daß das Leben endlich ist.

Eine Bürgerinitiative dieses Namens hat in Hamburg erfolgreich die einstimmige Absicht der gewählten Volksvertreter verhindert, den Grundschülern dieses Gemeinschaftserlebnis des Erschließens der Geheimnisse der Welt für eine längere Zeit zu ermöglichen und somit die Chancengleichheit der Kinder zu erhöhen.

Was war die Absicht der Initiative ? Gespeist mit finanziellen Mitteln und Argumenten aus dem gehobenen Bürgertum hat „Wir wollen lernen“ den Eindruck erweckt, mit dieser Erweiterung der Grundschulzeit um weitere zwei Jahre solle den Gymnasien die Existenzberechtigung entzogen werden und somit die Möglichkeit abgeschafft werden, einen höheren humanistischen Bidlungsabschluß zu erzielen als Gesamtschüler etwa. Gleichzeitig wurde argumentiert, das gemeinsame längere Lernen schade den begabten Schülern, da deren Lernniveau von den weniger begabten herunter gezogen würde.

Ist das so ? Ein sehr gewichtiges Argument der Bürgerinitiative war, daß nicht die Methode die Chancengleichheit erzeuge sondern die Inhalte. Sehr richtig ! Auf den Inhalt kommt es an. Aber anders, als die Vertreter der Initiative es interpretieren.

Aus Sicht der Gymnasiumbefürworter definieren sich Inhalte auf abfragbares Wissen für Tests wie PISA etc. und für das spätere Studium, nicht erkennend, wohin sich die Gesellschaft sich durch diese der Erwerbsarbeit untergeordnete Bildungsvermittlungstrategie entwickelt hat.

Ein Heer von einseitig gebildeten Fachleuten erkennt Probleme isoliert, entwickelt entsprechende Lösungen und registriert staunend, daß diese Lösungen an anderer Stelle neue und meist größere Probleme erzeugen. Andere Fachleute steuern dann bei diesen Problemen nach, ohne die Ursachen zu erkennen und so setzt sich eine Spirale in Gang, die niemand mehr beherrscht. Die Finanzmärkte sind ein bitteres Beispiel dafür. „Nachbessern“ das dazu passende Schlagwort.

Mit dem längeren gemeinsamen Lernen, das in vielen Ländern mittlerweile zum Standard gehört, wäre zumindest die Grundlage geschaffen, lebenstauglichere Inhalte an das Kind zu bringen wie Lernen lernen, Probleme analysieren, Vernetzungen erkennen, Ursachen erforschen, Urteile bilden und Entscheidungen treffen. Das gepaart mit einem humanistischen Bildungskanon sollte jeden Menschen in die Lage versetzen, im entscheidenden Augenblick das für die jeweilige Tätigkeit notwendige in kurzer Zeit erlernen zu können und zu erkennen, daß er nicht allein ist und Probleme im Team leichter zu lösen sind als allein.

Erreicht wäre damit zweierlei. Erstens ein rundum lebensfähiges Individuum, daß sich als Teil des Ganzen empfindet und Zweitens ein Mensch mit Selbstbewußtsein, der nicht schon in der frühesten Jugend mit Versagen konfrontiert wurde, weil seine Begabungen eben nicht in der höheren Mathematik sondern in der handwerklichen Umsetzung von Ideen liegen.

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Ein Kommentar zu Wir wollen lernen !

  1. TheK sagt:

    Kleines Kuriosum noch am Rande: Der Anwalt, der diese Bürgerinitiative hauptsächlich initiiert hat, arbeitet auch mit offenbar großer Begeisterung für das Unternehmen Kik. Muss man nichts weiter zu sagen, oder?

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