Die Krisen-Krise

Seit Jahren beherrscht nur ein Thema die Schlagzeilen: Krise. New-Economy-Krise; Finanzkrise, Griechenlandkrise, Bankenkrise, Immobilienkrise, Eurokrise. (Die Krisen mit militärischem oder „terroristischem“ Bezug seien dabei bewußt ausgeklammert, das ist eine andere Baustelle). Krise ist prima, weil alle Angst haben und alle auf Mutti schauen und hoffen, daß Mutti aufpaßt, daß uns nichts passiert und weil Krise die Politiker, die ja eigentlich dazu da sind, den Staatsbetrieb am Laufen zu halten und möglichst geräuschlos durch den Alltag zu steuern, erneut in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit bringt.
Würde alles geräuschlos gehen, würde vermutlich nicht einmal jemand bemerken, daß sie da sind. Womit wir beim Landwirtschaftsminister wären. Wer war das doch gleich ? Aber lassen wir das, um den geht es jetzt gar nicht.

Politiker. Krise. Genau. Wie immer hat man den Eindruck, es gehe alles Drunter und Drüber und unsere Staatslenker haben alle Hände voll zu tun, die ständigen Herausforderungen zu meistern. Dabei sind sie jederzeit Herr der Lage, wissen immer ganz genau und zu jedem Zeitpunkt, was zu tun ist und tun das dann auch, weil es ja alternativlos ist. Klar.

Nun fallen Krisen nicht vom Himmel, sondern haben Ursachen, oder, besser noch, es gibt Schuldige. Letztere gibt es, aus Sicht der Politiker, reichlich genug und es werden alle Schuldigen immer wechselnd zum jeweiligen Krisenthema zum Vorschein geholt und der staunenden Öffentlichkeit präsentiert.

  1. Immobilienkrise? Die Banken sind schuld. Was geben sie den Hungerleidern auch Kredite auf marode Häuser, die aberwitzig hoch bewertet sind ?

  2. Finanzkrise? Die Banken sind schuld. Sie haben die Kredite der maroden Immobilien in Finanzpakete geschnürt und an ahnungslose Anleger verscherbelt, die statt 2 % Sparzinsen lieber 25 % Anlageertrag haben wollten.

  3. Schon wieder Finanzkrise? Die Ratingagenturen sind schuld. Sie haben diese Finanzpakete mit Topbewertungen eingestuft, so daß diese 25%-Rendite völlig plausibel erscheinen mußten.

  4. Bankenkrise? Die Wähler sind schuld. Warum verlangen sie von den Politikern auch ständig Geld für neue Wahlgeschenke, so daß diese statt auf Produktion auf Finanzindustrie setzen, um genügend Geld heranzuschaffen für diese gierigen Wähler.

  5. Griechenlandkrise? Die Griechen sind schuld. Was zahlen sie auch so wenig Steuern, gehen so früh in Rente und betrügen die EU mit geschönten Zahlen?

  6. Eurokrise? Die Wähler sind schuld. Warum wählen sie auch nur immer wieder Parteien, die ihnen das Goldene vom Himmel versprechen? Und noch einmal die Ratingagenturen, weil sie Griechenland heruntergestuft haben und Spanien und bald auch Italien und Frankreich. Und natürlich die Banken, weil sie Griechenland das Geld förmlich aufgedrängt haben, obwohl die Griechen das gar nicht haben wollten, also zumindest nicht die Politiker, sondern nur die Wähler, siehe oben.

Also alles klar. Die Banken, die Wähler, die Moodysfitchesundpoors und natürlich die Griechen sind schuld.

?????

Oder ???? Nehmen wir mal einen Moment an, wir vertrauen nicht Mutti und ihren Spießgesellen, sondern denken zur Abwechslung mal selbst.

  • Zu 1. Wer hat sein Volk aufgefordert, zu kaufen, was das Zeug hält und ihnen empfohlen, das auf Pump zu tun?
    Und wer hat sich dann bei den Banken Geld geliehen und es in Konsumgüter „investiert“?

  • Zu 2. Wer hat die Regeln für Finanzprodukte der undurchsichtigen Art gelockert oder gleich ganz fallen gelassen?
    Regeln, die man als Lehre nach der Weltwirtschaftskrise ganz bewußt eingeführt hat, um derartige Desaster mit den bekannten Folgen zukünftig zu verhindern.
    Und wer hat geglaubt, man könne völlig gefahrlos 25 statt 2 % Rendite einstreichen?

  • Zu 3. Wer hat die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, daß private Agenturen ohne stattliche Kontrolle denjenigen „bewerten“ dürfen, der dafür zahlt?

  • Zu 4. Wer schielt bei allem, was er tut immer nach den Umfragen und weigert sich, trotz besseren Wissens, das zu veranlassen, was zwar unpopulär, aber notwendig ist? Und wer hat gemeint, man müsse auf den Zug der alchimistischen Idiotie der wundersamen Geldvermehrung durch Finanzdienstleistungen aufspringen und hat ganze Nationen um das Standbein der industriellen Produktion beraubt?
    Ach ja, und wer hat immer nur die gewählt, die ihm am meisten versprochen haben?

  • Zu 5. Wer hat die griechischen Gesetze erlassen? Wer hat in Griechenland zugelassen, daß sich weite Teile der Bürger dem bestehenden Steuersystem entziehen konnten? Wer hat der EU-Kommission gefälschte Zahlen vorgelegt?

  • Zu 6. Siehe zu 4. Thema, wer wählt wen? Wer hat bei den Banken um Kredite nachgesucht, um den Haushalt zu schönen und die laufenden Kosten zu begleichen?

Hmhh…! Offenbar fehlen doch noch welche in der oben beschriebenen Liste der Schuldigen. Und spätestens an dieser Stelle sollte jetzt jeder in sich gehen und überlegen, was die allabendlich übertragenen Reden und unsäglichen Quatschrundenauftritte im gebührenfinanzierten TV durch die gewählten Volksvertreter noch wert sind. Wie sie es schaffen, sich als die Retter und nicht als die Mitverursacher des Desasters zu präsentieren. Und, ganz entscheidend, wo der eigene klitzekleine Anteil an der Misere zu suchen ist, den jeder trägt, der in diesem System kritiklos mitspielt und der sich in der Summe zu diesem Desaster demokratischen Versagens zusammenaddiert.

Jean-Claude Juncker, jener scharfsinnige Ex-Vorstand der Luxemburg AG, brachte es, sarkastisch wie oft, auf den Punkt, als er einem Journalisten den Satz in den Block diktierte: Wir (gemeint waren die anwesenden Staats- und Regierungschefs und ihre Minister) geben hier nicht gerade eine Beispiel für die hohe Kunst der Staatsführung ab. Wohl gesprochen.

Gleiches gilt für den Wähler. Wir (gemeint sind die, die wählen und die, die nicht wählen) geben hier nicht gerade ein Beispiel für die hohe Kunst der demokratischen Verantwortung für das Gemeinwesen ab.

Bei jeder Schelte gegen die bestehenden Verhältnisse sollte es innerer Zwang des Scheltenden werden, dieses vor einem Spiegel zu tun, damit die Schelte gleich an die richtige Adresse geht.

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