Angst essen Seele auf – Teil 2

An dieser Stelle habe ich mich schon einmal mit Angst und den damit verbundenen Mechanismen beschäftigt; seit einem Spaziergang an der Alster in Hamburg bewegt mich ein weiterer Aspekt dieser Thematik.

Unmittelbar am Alsterufer befindet sich seit 1951 das Amerikanische Generalkonsulat, seit 2001 umgeben von doppelten Zäunen unterschiedlicher Höhen, Beton- und Stahlpollern, Stahlträgern als Durchfahrtssperren und bewacht von mehreren Polizeieinheiten in Wachhäusern, deren Scheiben mit Milchglas blickdicht verschlossenen sind.


Amerikanisches Generalkosulat in Hamburg

Die Straße „Alsterufer“ ist seither für die Öffentlichkeit gesperrt, lediglich der Fuß- und Radweg an der Alster ist noch öffentlich zugänglich.

Schaut man nach Berlin, ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Botschaften der USA und des Vereinigten Königreichs liegen hinter Beton- und Stahlpollern, die Straßen vor den Botschaften sind gesperrt, mit Mühe konnten die Berliner Bürger verhindern, daß die Straße seitlich der US-Botschaft um mehrere hundert Meter verschwenkt wurde.


Britische Botschaft in Berlin

Ein ähnliches Bild am Bundeskanzleramt. Ein gigantischer Bau mit hohen Zäunen und Bewachung, die einer Justizvollzugsanstalt alle Ehre machen würde.

Am Rande sei vermerkt, daß sowohl die russische als auch die französische Botschaft, gemessen an diesem Aufwand, fast ungesichert erscheinen. Lediglich ein einzelner Polizist steht in der jeweiligen Nähe.

Der Reichstag, dekoriert mit der werbewirksamen Floskel „Dem Deutschen Volke“, war vor längerer Zeit auch mal für besagtes Volk frei zugänglich. Aufgrund mehrere vager Vermutungen, es könne zu Aktionen von religiös motivierten Gruppen kommen, ist dem jetzt nicht mehr so. Vorherige Anmeldung mit Ausweiskopie, elektronische Durchleuchtung der Personendaten und tätliche Leibesvisitation gehören jetzt zu den unwürdigen Dingen, die man über sich ergehen lassen muß, wenn man das Gebäude, das einem ja eigentlich gewidmet ist, betreten möchte.

Dieses vorausgeschickt, jetzt zu besagtem Teilaspekt der Angst, der mir angesichts solcher Maßnahmen in den Sinn kam und den man landläufig mit Feigheit bezeichnet.

Das Attribut „feige“ wird üblicherweise verwendet, wenn jemand nicht bereit ist bzw. sogar davor zurückschreckt, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen.

Eigenes Handeln meint in diesem speziellen Falle nicht das, was man im Rahmen seiner übernommenen Aufgaben verrichtet, sondern die Bereitschaft, überhaupt mit dieser Tätigkeit zu beginnen.

Als der Titel eines Herrschers noch vererbt wurde und man sich daher dieser Ehre nicht erwehren konnte, nahm man die mit diesem Status verbundene Unannehmlichkeit, daß manch einer einem nach dem Leben trachtet, als unausweichlich hin. Man umgab sich zwar mit mehr oder weniger wirksamen Leibgarden, was aber meist wenig sinnvoll war, weil diejenigen, die Mordgelüste hatten, meist aus dem unmittelbaren Umfeld stammten.

Heute werden die meisten Herrscher gewählt, bekleiden diesen Dienstposten auf Zeit und können ebenso schnell, wie gewählt, auch wieder abgewählt werden. Gleichwohl legen sie bei der Vorkehrung vor evtl. meuchelnden Händen deutlich höhere Maßstäbe an, als die absolutistischen Herrscher vergangener Jahrhunderte. Warum nur, fragt man sich?

Und hier kommt die Angst resp. Feigheit ins Spiel. Wenn ich mich entschließe, die Geschicke eines Staates zu lenken, dann beinhaltet das qua Amt gewisse Risiken. Das weiß ich vorher und denen muß ich mich notgedrungen aussetzen. Will ich das nicht, dann sollte ich diese Ämter nicht anstreben.

Lebewesen, die aus Angst oder besser Feigheit in ihren Sozialverbünden nicht in der Lage sind, das Rudel zu führen, sind evolutionstechnisch zum Scheitern verurteilt. Sie vermehren sich nicht, und sollten sie tatsächlich mal in die Versuchung kommen, Rangkämpfe auszufechten, werden sie regelmäßig unterliegen. Diese Haltung signalisieren sie neben Körperhaltung und begrenzter Mimik zusätzlich durch Ausdünstungen, die neben den eigenen Artgenossen auch den nächsthöheren Lebewesen der Nahrungskette nicht verborgen bleiben, was als weiteres Regulativ verstanden werden kann.

Beim Lebewesen Mensch scheint das anders zu sein. Zwar sind auch hier Körperhaltung, Mimik und Ausdünstung klare Signale mangelnden Mutes, gleichwohl scheint es aber kein Hindernis zu sein, Positionen zu erreichen, an denen man sich mit dieser Geisteshaltung besser nicht befinden sollte.

Ausfluß solcher Entwicklungen sind dann eben die „Sicherheitsvorrichtungen“, die man unter anderem am Amerikanischen Generalkonsulat an der Alster in Hamburg ablesen kann. Welch ein unwürdiges Schauspiel.

Daß es auch anders geht, sieht man z.B. am Bundeskanzleramt in Wien. Dort steht ein einzelner Polizist, den ich ohne Zäune oder sonstige Sperren zu überwinden sogar ansprechen kann. Selbstredend kann man das Bundeskanzleramt bei berechtigtem Interesse auch betreten. Und selbst im Kreml, jenem Zentrum „böser Mächte“, wie weiland Ronald Reagen die Sowjetunion bezeichnete, trafen sich schon 1984 Heerscharen westlicher und östlicher Touristen auf den Plätzen um den obersten Sowjet und die Kathedralen innerhalb der Festungsmauern zum Sightseeing.


Bundeskanzleramt in Wien

Abschließend sei daran erinnert, daß die Versuche, demokratisch gewählte Repräsentanten eines Staates zu beseitigen, recht überschaubar sind und daß sich potentielle Attentäter, in Ermangelung der Möglichkeiten, dieses doch zu tun, in der Regel das gemeine Volk als Ziel solcher Attacken aussuchen. Siehe Madrid, London oder eben New York. Was die Unwürdigkeit dieser Verbarrikadierung der Herrschenden noch perverser und die Frage, ob wir uns die richtigen Regierenden ausgesucht haben, noch plausibler erscheinen läßt.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.