Der ganz normale Wahnsinn

Vorauszuschicken ist, daß dieser Bericht nicht eine Situation 1988 in der DDR beschreibt, sondern Ereignisse 2014 im mit allen erdenklichen Waren recht gut versorgten Hamburg wiedergibt.
Erwachsene Menschen drängen sich in dichten Trauben vor einem Geschäft auf dem Jungfernstieg, um die ersten zu sein, die den Laden betreten können. Vielfach wird von den potentiellen Kunden an die Stelle des Wortes können auch ein dürfen gesetzt, so, als ob eine Gunst gewährt wird. Die Gunst, ein technisches Gerät, dessen praktischer Nutzen sich in recht überschaubaren Grenzen hält, für den Preis eines zweiwöchigen All-Inclusive-Last-Minute-Urlaubs am Mittelmeer oder für zwei Monatsmieten am Hamburger Stadtrand zu erwerben.

Einige dieser Menschen kommen 2000 km weit angereist, campen drei Tage auf dem Bürgersteig einer der teuersten Einkaufsstraßen Hamburgs, um die ersten zu sein, die Geld für ein Produkt ausgeben, das an jedem Platz der Erde mit Internetanschluß online, und, versehen mit einer anderen Marke, zudem für die Hälfte des Preises erworben werden kann.
Es scheint eine besondere Leistung zu sein, eine Ware zu bestellen, in Empang zu nehmen, zu bezahlen und das Geschäft wieder zu verlassen. Anders ist es nicht zu erklären, daß jeder, der diese Alltagsverrichtungen hinter sich gebracht hat, von einer begeisterten Menge vor dem Geschäft gefeiert wird, als hätte er soeben den Hanse-Marathon in neuer Rekordzeit absolviert. Das Objekt der Begierde wird von den Gefeierten dabei präsentiert, wie eine gerade erlegte Jagdtrophäe.
Der warholsche Augenblick: Eine Viertelstunde Superstar.

Nebenbei sei bemerkt, daß Obdachlose, die versuchen, an selber Stelle ihr Nachtlager aufzuschlagen, nicht mal drei Minuten, geschweige denn drei Tage geduldet oder gar gefeiert werden.

Offenbar bin ich entweder zu dämlich, zu alt, zu ignorant oder alles zusammen, um dieses kollektive Vehalten zu verstehen. Ein Blick in einen TV-Nachrichtenkanal bedeutet mir aber, daß ich damit offenbar nicht allein stehe, was mich dann wieder ein wenig mit der mich umgebenden Gesellschaft versöhnt.

Mein ehemaliger Mathematiklehrer pflegte oft zu sagen: „Oh Herr, laß Hirn vom Himmel regnen.“, Seinerzeit haben wir Schüler galgenhumorig gelacht, heute möchte ich mich diesem frommen Wunsch nur zu gern anschließen, wenn er denn wahr werden würde.

2014 in HH

2014 in HH

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Ein Kommentar zu Der ganz normale Wahnsinn

  1. E. K. sagt:

    Guten Tag Andreas,

    immer wieder erfrischend, etwas von Dir zu vernehmen. Deinen Beobachtungn kann ich mich nur anschließen. Das seltsame Verhalten des Homo sapiens sapiens, ugs. auch als Mensch (Menschin ?) bezeichnet, wird in der Tat immer rätselhafter. Im KatS kennt man dieses als Massenhysterie, ist kaum beherrschbar und nur mit erhblicher Kraftanstrenungung zu lenken, wenn es gefährlich wird.

    Stelle Dich einmal an die von Dir beschriebene Örtlichkeit und schaue ein paar Minuten stur nach oben. Es werden den in kürzester Zeit Personen stehen bleiben, die es Dir gleichtun. Murmle dabei noch irgendwas in einer allgemein unverständlichen Sprache mit Wiederholungen (ganz aktuell schlage ich „islandi“ vor, lasse dann einen Hut rumgehen und Du kommst ggf. unverhofft zu einem Vermögen. So gründet man Religionen, Banken und Versicherungen.

    Vor in paar Monaten musste ich in die Kurze Mühren, als ich auf einen Menschen stieß, der sich offenbar mit starken Bauchschmerzen unter heftigen Jammern auf den Knien krümmte. Auffallend war, dass Passanten achtlos vorüber gingen, was ja in solchen Situationen nichst Neues ist. Obgleich Ruhestandsbeamter, stehe ich als ehemaliger Rettungsanitäter (leider) immer noch in der Garantenstellung und wollte gerade tätig werden, als ich irgendwas verstand, dass sich anhörte wie „allah akbar“ oder so ähnlich und der Typ wieder nach vorn klappte. Gemäß dem ewigen Regelkreis der Führung ergab die nähere Erkundung der Lage, dass der Mensch auf einem kleinen Teppich kniete und es 1600 h war. Beurteilung der Lage: Der Mensch vollzog grade sein 3. oder 4. Gebet von den fünf Täglichen an die Fa. Ernst Gott & Sohn GmbH und Co KG OHG. Entschluss: Keine Maßnahmen erforderlich, der hilft sich selber, Vorgang nicht weiter beachten, weitergehen !

    Genauso unverständlich it mir, was die von Dir genannten Personen mit dem neun Ding eigentlich anstellen wollen. Selber habe ich seit Februar 2013 ein smartphone Samsung Galaxy II (von einem Kollegen der Fachlichen Leitstelle Digitalfunk sowie von c´t mal als recht gut empfohlen), jetzt aber natürlich hoffnungslos veraltet. Nur kann das Ding etwas mehr als alle unsere BFW zusammen jemals konnten, weshalb ich seit anderthalb Jahren auch versuche, die merkwürdigen Beschreibungen eines Koreaners oder wer auch immer mit japanisch-indisch-chinesisch-angloameriknischen vollautomatischen Übersetzungspogramm zu verstehen und anzuwenden. Erstaunlicherweise kann man mit dem Ding sogar auch telefonieren (wurde früher mal als – Fernsprechen – bezeichnet…..äääääh) und die Fotokamera ist mit 8 Megaeumels für meine Zwecke schlicht und einfach ausgezeichnet.

    Alles in Allem kann einem die ganze Sache viel Zeit und Nerven kosten, weshalb ich auch nicht zur Zielgruppe edler Fachgeschäfte besagter Straße (wann wird die eigentlich mal neu gepflastert oder habe ich das auch falsch verstanden ?) gehöre.

    Werde heute die Handquatsche mal aufräumen, mal sehen, was sich noch so findet !

    In diesem Sinne
    Gruß
    E.

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