Ja wo leben wir denn?

  • Große Gruppen von Migranten bedrängen Frauen in aller Öffentlichkeit in widerlichster Weise bis hin zu versuchter Vergewaltigung.

  • Rechtsextreme Bürger, die bisher nicht dadurch aufgefallen sind, daß ihnen die Rechte von Frauen besonders am Herzen liegen, formieren sich zu Bürgerwehren, um Frauen zu schützen.

  • Zwei arabische Migranten verprügeln und bestehlen einen jüdischen Deutschen, der als solcher klar erkennbar war und beschimpfen ihn besonders wegen seiner religiösen Orientierung.

  • Linke Politiker, die bisher besonders dadurch aufgefallen sind, daß sie Übergriffe auf jüdische Bürger, die in der Regel durch Neonazis verübt werden, mit aller gebotenen Vehemenz anprangern und sich zu Recht gegen solche Übergriffe positionieren, verhalten sich merkwürdig still.

  • Eine konservative Kanzlerin setzt geltendes Recht im Handstreich außer Kraft, hebt die Grenzen auf und gestattet es, daß eine große Anzahl von Migranten unregistriert ins Land gelangen, womit sie eine alte Forderung der Antifa (No borders, no nations) erfüllt.

  • Ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat fordert Grenzschließungen und Kontrollen, um ungehinderten Zuzug von Migranten zu stoppen und übt dabei unausgesprochen den Schulterschluß mit der CSU.

Die Lager an den politischen Rändern bezichtigen sich gegenseitig er verallgemeinernden Hetze.

  • Rechte nehmen einige kriminelle Migranten zum Anlaß, alle Migranten als potentielle Verbrecher zu verunglimpfen.
  • Linke nehmen rechtsextreme Scharfmacher zum Anlaß, alle Bürger, die sich angesichts der Flüchtlingssituation Gedanken und Sorgen machen, als Nazis zu verunglimpfen.

Was um alles in der Welt, hat uns geritten, zu glauben, wir lebten in einer gesicherten Demokratie und einer gefestigten Zivilisation, wenn die Ankunft von einer Million fremder Menschen uns derart aus der Bahn wirft, daß klares Denken und Argumentieren nicht mehr funktionieren? Selbst schreckliche Vorkommnisse wie in Köln werden umgehend parteipolitisch ausgeschlachtet, auch von gemäßigten politischen Gruppierungen wie FDP und CDU.

Allenthalben hört man Rechtfertigungen für den jeweils eigenen politischen Standpunkt.

Rechte verweisen auf Schlägereien im Flüchtlingscamps, auf Vorgänge wie in Köln oder Hamburg an Silvester 2015, auf „Ehrenmorde“ und Parallelgesellschaften, wenn sie nach Gründen für ihre kritische bzw. oftmals offen feindselige und immer kompromisslose Haltung gegenüber Migranten gefragt werden.

Linke verweisen auf die kaputte deutsche Kultur (Egoismus, Ausländerfeindlichkeit, immer noch vorhandener Antisemitismus, die jüngere deutsche Geschichte), wenn sie ihre Träume von multikulturellen Gesellschaften rechtfertigen und die unkontrollierte Einwanderung ebenso offen feindselig und ebenso kompromisslos verteidigen.

Beide Seiten treten dabei mit einer moralisierenden Attitüde auf, die nur schwer erträglich ist.
Die Rechten lassen dabei alte Herrenmenschenmentalität durchblicken, die in den allerseltensten Fällen auch nur im Ansatz gerechtfertigt ist; bei den Linken herrscht eine antideutsche Haltung vor, gepaart mit einer Idealisierung der Migranten, der diese selbst mit bestem Willen nicht entsprechen können.

Besonnene Stimmen gehen leider unter. Was könnten diese besonnen Stimmen gesagt haben?

  • Ja, die deutsche Kultur ist keine Blaupause für die Welt, insbesondere nicht die aktuell hier herrschende.
  • Ja, die gesellschaftlichen Grundkonsense, die hier Grundlage des Zusammenlebens sind, erodieren, wenn auch schleichend, aber sie tun es.
  • Ja, es gibt in Deutschland ein Vollzugsdefizit hinsichtlich von Gesetzen und Regelungen und es gibt ein Defizit an Einsicht in die Notwendigkeit disziplinierten Handelns.
  • Ja, es gibt in Deutschland ein Autoritätsproblem.
  • Ja, in Deutschland gibt es Dinge, für die es sich einzutreten lohnt. Eines davon ist die Verfassung, die uns weitgehendere Freiheiten gewährt, als in fast jedem andern europäischen Land.
  • Nein, diese Freiheiten sind nicht selbstverständlich. Die Bürger müssen Tag für Tag dafür werben und argumentieren.
  • Ja, es gibt gesellschaftliche Sozialisationen von Migranten, die mit der hiesigen inkompatibel sind.
  • Ja, Deutschland wird, so es denn bei den Nationalstaaten bleibt, auf Dauer nicht umhinkommen, Migranten abseits von humanitären Verpflichtungen aufzunehmen, um die überalternde Gesellschaft wieder zu verjüngen.
  • Ja, Deutschland hat nur eine gewisse Menge X zur allgemeinen Verteilung zur Verfügung. Dieser Menge X steht einer anderen Menge an Bewohnern, Y, gegenüber. Wenn konstant X durch ansteigend Y geteilt wird, wird Ergebnis Z weniger.
  • Ja, das macht vielen Menschen Angst.
  • Ja, Deutschland muß daher Migranten fragen, warum sie zu uns wollen und wie sie sich das Leben in Deutschland und den Umgang mit den oben genannten Freiheiten vorstellen, ganz besonders dann, wenn sie aus Kulturkreisen stammen, in denen diese Freiheiten nicht nur nicht selbstverständlich sind, sondern sogar abgelehnt werden.
  • Ja, wenn diese Fragen gestellt und gesellschaftlich akzeptiert beantwortet werden, erhöht sich bei der Menge Y die Bereitschaft, zunächst weniger Z zu akzeptieren, weil man die Bereitschaft erkennen kann, gemeinsam daran zu arbeiten, daß X und in der Folge auch Z wieder größer werden.

Es ist völlig unstreitig, daß die reale deutsche Kultur nicht frei von Unzulänglichkeiten und gerade in der augenblicklichen Verfassung weit davon entfernt ist, eine Leitkultur zu sein. In einigen Städten entstehen rechtsfreie Räume, der deutsche Standardbürger ist immer weniger bereit, Verantwortung für sich und sein Handeln zu übernehmen (wie man an dem tagelang herumliegenden Müll nach Silvester sehr gut ablesen kann, um nur ein Beispiel zu nennen), Steuergesetze werden von weiten Teilen der Bevölkerung als Drangsalierung oder wahlweise als Empfehlungsgrundlage mißverstanden, Ahndungen von Gesetzesverstößen werden als Eingriff in die persönliche Freiheit oder als Willkürmaßnahme empfunden.
Die bürgerliche Gesellschaft suhlt sich bislang in einer vermeintlichen Liberalität, die im Grunde nichts als Ignoranz und Gleichgültigkeit ist und in einen Egoismus gemündet hat, der die individuelle Verantwortung für das Gesamtgefüge vollständig ausblendet.

Aber jetzt, wo die Bürger teilweise am eigenen Leibe erleben, wie dünn die Decke der Zivilisation ist (die täglich millionenfach ins Internet gepusteten Haßbotschaften bisher unbescholtener Bürger sprechen eine deutliche Sprache), hat die Gesellschaft die Gelegenheit, sich selbstkritisch zu fragen, was zu tun ist, um diese Decke etwas dicker und vor allem reißfester zu machen.

Migranten, die wegen unserer Freiheiten hier und nirgendwo anders leben wollen, Bürger, die sich ernst genommen fühlen und Menschen, die selbstbewußt für diese Freiheiten eintreten und sie verteidigen, ohne dabei Maß und Ziel aus den Augen zu verlieren, wären die ideale Grundlage für diesen gesellschaftlichen Reifeprozess. Eine solche Bürgergesellschaft kann sich eine Meinungsbandbreite von rechtskonservativ bis linksliberal leisten. Die Marginalisierung linksextremer Antideutscher und rechtsextremer Rassisten ist dann ein zwangsläufiger und begrüßenswerter Nebeneffekt.

Bleiben nur:

  1. Die Frage: Wie können sich diese besonnen Stimmen Gehör verschaffen?
  2. Und die Antwort auf die Ausgangsfrage: In Europa. Anfang 2016.
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