Der Antifaschistische Schutzwall – Eine Polemik

„Rechtsradikale und Nazis gibt es in der DDR nicht.“ So zumindest die offizielle Aussage der Machthaber in selbiger Zone, die einerseits Staatsräson war und andererseits die Grundlage für den Euphemismus „antifaschistischer Schutzwall“, mit dem Mauer und Zäune gerechtfertigt wurden. Die bloße Existenz der DDR als sozialistischer Staat war offenbar für viele SED-Parteigänger schon allein Beweis genug für diese steile These.

Wie der aufgeklärte Staatsbürger-West spätestens seit 1989 weiß, ist diese ostdeutsche Fiktion weiter entfernt von jeder Realität gewesen, als es sich es manch BRD-Bürger je hat träumen lassen. Insbesondere deshalb, weil man in der BRD quasi mit Nazis sogar in höchsten Staatsämtern vertraut war und dank der ostdeutschen Geheimdienste auch niemand darüber im Unklaren gelassen wurde, wo so mancher „aufrechte Demokrat“ in Reihen der Union oder der FDP seine Wurzeln ausgegraben hatte.

Seit Beginn der 80er Jahre rückte in der DDR die rechtsradikale Szene, die zuvor eher im verborgenen und privat agierte, zumindest polizeilich ins Blickfeld, da sich aus den bisher bei Fußballspielen und Cliquentreffen üblichen „normalen Krawallen“ erstmals auch offen rechtsextreme Parolen artikulierten. Anfänglich als pubertärer Gegenpol zur herrschenden kommunistischen Klasse, später dann inhaltlich, konzeptionell und zunehmend ideologisiert („Deutsche Werte“ Fleiß, Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit). Daraus etablierte sich im weiteren Verlauf über die Skinheadbewegung und die Faschos eine stabile neofaschistische Szene, deren Entstehen durch die autoritäre politische Kultur der DDR wesentlich begünstigt wurde.

Als diese radikale Bewegung auf die wirklichen deutschen Werte traf, wie Wahrung der Menschenwürde als Staatsräson, Bürgerrechte wie Rede- und Versammlungsfreiheit, Meinungs-, Religions- und Pressefreiheit, wurde es problematisch. Die Westdeutschen waren von dieser ungewohnt schamlosen und geballten Haßfront völlig überrumpelt.
In Westdeutschland kannte man Rechtsradikale als im Wald umherirrende Spinner in Uniformen mit Holzgewehren, als ein paar Unbelehrbare, die in Wunsiedel am Grab von Hess das Wessel-Lied grölten, oder als schwarzbefrackte Randfiguren am Volkstrauertag. In einer pluralistisch geprägten und auf Toleranz basierenden Gesellschaft konnten die Bürger mit diesen Rechtsauslegern recht gut umgehen, zudem stellten diese Verrückten im Westen immer nur eine extreme Minderheit dar, der zudem biologisch immer mehr Mitglieder abhanden kamen, als neue dazu stießen.

Leider zeigte sich nach 1989 das gesamte Versagen der westdeutschen intellektuellen Elite. Statt zu analysieren, zu erkennen und zu handeln, verstrickte sie sich in der moralischen Diskussion, in der sie nur verlieren konnte, da man extremen und menschenverachtenden Meinungen nicht mit Moral begegnen kann, sondern nur mit Mitteln der Gefahrenabwehr.
So, wie die Feuerwehr Schneisen in den Wald schlägt, um den Flammenübergriff zu verhindern, hätten sich die westdeutschen Intellektuellen einerseits und die gesamtdeutsche Politik andererseits auf das Argumentieren und den Austausch mit denen beschränken müssen, die gefährdet waren, von solchen einfachen und extremen Parolen angesteckt zu werden.
Nichts von dem ist passiert. Im Gegenteil. Hoyerswerda, Rostock- Lichtenhagen etc. waren zwar deutliche Warnung, wurden aber nicht als solche wahrgenommen.
Die Intellektuellen stritten und streiten sich auf moralischer Ebene mit Brandstiftern, kräftig flankiert von einer gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen hilflosen Politik, die ihrerseits, erst mittels der Treuhand und anschließend mittels Hartz IV, die Menschen, denen die deutsche Einheit zwar mehr Freiheit aber weniger Existenzsicherung gebracht hat, allein gelassen hat mit dem Hinweis, sie hätten ja jetzt Freiheit und blühende Landschaften.

Das konnte nur zu der jetzigen Situation führen, die in der Aussage einer zu den Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit in Dresden angereisten Demonstrantin gipfelten, sie wolle nicht, daß es in Sachsen so werde, wie in Westdeutschland.
Deutlicher kann man es eigentlich nicht ausdrücken. Die Freiheit macht ihnen Angst. Sie sehnen sich hinter die Mauer zurück, hinter der es so schön berechenbar war, wo man Karriere machen konnte, wenn man das Maul hielt und im Strom schwamm. Wo es keine Ausländer gab, und wenn, dann im Ghetto. Wo man keine Verantwortung tragen brauchte, weder für das, was man tat noch für das was man nicht tat. Und wo alles durchgeplant und vorgegeben war. Absolute Sicherheit eben. Wer sich dort wohl fühlt und dort nicht weg will, für den hat eine Selbstschußanlage an der Grenze nichts Bedrohliches, sondern etwas schützendes.

Und um jetzt dann doch noch zu der im Titel angekündigten Polemik zu kommen:

Wenn ich mir das auf der Zunge zergehen lasse, dann wird mir zweierlei klar:

  • In einem Land, in dem Menschen lebten, dort aufwuchsen und ihre Kinder entsprechend erzogen haben, die von 1933 bis 1989 nichts anders kannten, als die Unfreiheit des Denkens und die Angst vor allem Fremden und Neuen, in solch einem Land konnte nichts anderes entstehen, als Unfreiheit im Denken und Angst vor allem Fremden und Neuen.

  • Der Begriff „Antifaschistischer Schutzwall“ war so falsch nicht. Nur sollte nochmals darüber nachgedacht werden, wen dieser Wall vor wem geschützt hat.

Aus dieser Sicht erscheint es mir ratsam, darüber nachzudenken, ob es nicht sinnvoll wäre, evtl. vorhandenen Sezessionsbestrebungen in den östlichen Bundesländern nachzugeben und zunächst ein siebzehntes Bundesland einzurichten (Lausitz wäre passend), welches dann mittels eines neuen antifaschistischen Schutzwalles abgetrennt (Der unter den ostdeutschen Pegidisten sehr oft zitierte Victor Orban könnte Tipps geben) und anschließend in ein zweites Deutschland überführt würde (darin haben wir ja alle Übung). Ohne EU-Mitgliedschaft und als Paradies all derer, denen die Freiheit der Westdeutschen, wie sie bis 1989 geherrscht hat, zu viel geworden ist oder schon immer zu viel war.

Und als Nebennutzen wäre auch noch all den westdeutschen Bürgern geholfen, denen nach 1989 das Ziel ihres haßerfüllt vorgetragenen „Dann geh doch nach drüben!“ abhanden gekommen ist.

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Ein Kommentar zu Der Antifaschistische Schutzwall – Eine Polemik

  1. Jens O. M. sagt:

    Trifft den Punkt genau, wobei ich die Weimarer Republik in Sachen Unfreiheit und Angst vor dem Fremden ignorieren und direkt vom Kaiserreich nach 1989 gehen würde – im sehr ländlich geprägten Osten wollte man gerne den Kaiser Wilhelm wiederhaben, daran änderten die Stadt-Kommunisten und Sozialisten nichts. Auffallend ist auch, dass die Ostalgie erst einsetzte, als die wirtschaftliche Stabilität nicht mehr gegeben war, der ganze staatsfinanzierte Murks der DDR wegfiel und der heißersehnte Konsum auch finanziert werden musste.

    Ob unsere Intellektuellen in den vergangenen vierzig oder mehr Jahren je in der Lage waren, das Denken der Massen zu bestimmen oder zu lenken, darüber bin ich mir noch nicht ganz im Klaren – ich denke, es reichte immer nur für Teilbereiche der Bevölkerung, die sowieso schon aufgeschlossener waren. Lediglich in der Akzeptanz des und der Fremden auch im eigenen Lande ist man im Westen weiter gekommen, trotz der Neigung der Politiker und Planer, Einwanderer oder auch nur zeitweilig hier arbeitende Mitmenschen zu ghettoisieren – erstaunlich, dass ausgerechnet die Bajuwaren einen anderen, gar nicht so unvernünftigen Weg gehen wollen.

    Der Neubau des neuen antifaschistischen Schutzwalls wäre sicher schnell finanziert, da die Betroffenen ebenso wie die sie Einmauernden gerne die Steine selbst kaufen würden…

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