Die Ehre der Nation

Leserbrief- und Kommentarspalten der Tageszeitungen quellen über von Kritik an der undiplomatischen Offensive der türkischen Regierung. Forderung nach Einstellung der Zahlungen und zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen sind noch die harmlosen Vorschläge. Selbst deutsche Minister lassen sich zu Drohungen gegenüber Ankara hinreißen. Einzig die Bundeskanzlerin macht das einzig richtige: Nichts. Außer der Aussage, daß die Vorwürfe aus der Türkei so absurd sind, daß sich jeglicher Kommentar von selbst verbiete, ist von ihr nichts zum Thema zu hören. Wohl gesprochen und wohl dem Volk, daß eine solch unaufgeregte Regierungschefin hat. Wenn alle durchdrehen, braucht es jemanden, der einen kühlen Kopf bewahrt.

Wenn ich den Pulverdampf der Kampfrhetorik einiger Bürger und Möchtegern-Volkstribunen aus der rechten Ecke mal beiseite puste, bleiben folgende Fakten übrig:

  • Erdogan macht Wahlkampf. Er braucht jede Stimme, um sein Referendum durchzubekommen. Dazu spielt er die nationalistische Karte, weil dieser Trumpf bei seinen stark nationalistisch geprägten Landsleuten sticht, was immer man davon halten mag. In Deutschland ist uns das ja leider nicht ganz unbekannt.

  • Wer, so wie Mark Rutte in den Niederlanden, auf diese Provokationen reagiert, spielt das Spiel Erdogans. Der bekommt für seine Ausfälle gen Deutschland und Holland rauschenden Beifall von den machtbesoffenen Massen auf der Straße.

  • Die rechten Ratten wollen Glauben machen, Rutte habe mit seiner Reaktion auf Erdogans Provokationen den Stolz der Niederländer im Blick gehabt. Weit gefehlt. Auch er machte Wahlkampf. Er bediente eben die Ressentiments, die viele seiner   Landsleute zu Geert Wilders schielen ließ. Genau die Ressentiments übrigens, die besagte potentielle Wilders-Wähler an den türkischen Wählern kritisieren. Einige dieser Schieler haben jetzt doch Rutte gewählt. Kalkül aufgegangen.

Dieses vorausgeschickt, stellen sich Fragen:

  • Was genau erhoffen sich Bürger davon, daß deutsche Politiker ebenso wie Mark Rutte handeln? Ein Einlenken Erdogans? Ernsthaft?

  • Was genau sollen deutsche Politiker tun, wenn Erdogan nicht einlenkt? Der Türkei den Krieg erklären?

  • Was genau soll Erdogan tun, um Deutschland gefährlich zu werden? Nicht in die EU eintreten wollen? Keine Rosinen oder Haselnüsse mehr exportieren? Die deutschen Rentner in Antalya hinauswerfen? Auf die Visafreiheit verzichten?

  • Sollen wir unsere mühsam und blutig erlangte Freiheit zur Disposition stellen, weil ein vermeintlich Irrer verbal aufrüstet und sein Wahlvolk so dämlich ist, nicht zu merken, wie es mißbraucht wird? Warum sollen wir mit den gleichen Mitteln reagieren, die wir an Erdogan zu Recht kritisieren?

  • Halten wir die in Deutschland lebenden Türken davon ab, Erdogan zu wählen, wenn wir ihm verbieten, vor diesen Menschen zu reden?

Natürlich ist es nicht zu tolerieren, daß deutsche Abgeordnete nicht zu den deutschen militärischen Stützpunkten reisen dürfen. Und natürlich ist es nicht zu tolerieren, daß deutsche Staatsbürger grundlos eingesperrt werden. Aber alle diese Probleme löst man nicht mit Brachialrhetorik, sondern mit Diplomatie. Und die verläuft in der Regel leise. Auch, wenn man damit die erregte Facebook-und Twitter-Republik nicht beeindrucken kann. Darum geht es glücklicherweise nicht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Mir macht diese ganze nationalistische Soße, die aus allen Teilen Europas unterschiedlich stark, aber gleichbleibend unappetitlich zu riechen ist, ein unbehagliches Gefühl. Ich konnte mit dem Begriff „Deutsch“ noch nie viel anfangen, weil ich es für erstrebenswert halte, unter dem Schutzschild einer freiheitlichen Verfassung wie der unseren in Freiheit zu leben. Ob ich dann deutsch, europäisch oder sonst wie heiße, war und ist mir vollständig egal. Ich habe eine eigene Ehre, die Ehre der „Nation“ hat sich bei mir noch nicht vorgestellt und ich kann mir meinerseits auch beim besten Willen nicht vorstellen, was die sein soll. Ich weigere mich zudem, mich von genau den Politikern, die keine Probleme damit hatten, große Teile des Volkes mit Renten- und Sozialreformen á la Hartz4 vom allgemeinen Wohlstand abzuschneiden, vor den nationalistischen Karren spannen zu lassen. Das erinnert mich an besagtes Opium fürs Volk. Und dieser Nationalismus trägt gleichsam religiöse Züge.

Zum Schluß noch zwei letzte Fragen:

Warum heulen ausgerechnet jene Politiker in Deutschland wegen Erdogans Faschismusvorwürfen getroffen auf, die inhaltlich nicht so ganz weit von faschistischer Ideologie entfernt sind?

Warum fahren die Türken, die in Deutschland leben und unbedingt einen Präsidenten Erdogan haben wollen, nicht einfach zurück in die Türkei und genießen dessen Politik live?

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2 Kommentare zu Die Ehre der Nation

  1. Uli K. sagt:

    Ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man nicht alleine so denkt, wie du es oben geschildert hast. Dafür meinen herzlichen Dank!

    Offenbar müssen Erdoğan und seiner Regierung Zahlen vorliegen, dass das Referendum am 16. April scheitern könnte. Die Schätzungen in der Türkei reichen von einem Kopf an Kopf-Rennen bis zu 58% Ablehnung für den Staatsumbau – wobei man nichts über die Verlässlichkeit solcher Prognosen in einem Land mit ausgeschalteter regierungskritischer Presse weiß. Bei den im europäischen Ausland lebenden Türken soll das Verhältnis eher umgekehrt sein, also die Befürworter eines Präsidialsystems mit ca. 60% die Mehrheit stellen, wohl weil sie eben nicht am eigenen Leib die Härte des Präsidenten gegen sein eigenes Volk zu spüren bekommen.

    Letztlich bekommen die türkischen Wähler genau das, was sie wollen. Das wiederum darf uns nicht weiter interessieren, was allerdings auch nicht heißt, dass wir es nicht kommentieren und aus unserer Sicht werten dürften. Hoffen wir, dass Erdoğan die Türkei nicht tatsächlich weiter isoliert und auf einen Weg der Rückschritte führt.

  2. V. K. sagt:

    In der Tat ist das besonnene Verhalten unserer Frau Kanzlerin die einzig richtige Entscheidung.

    Nur durch Tatkraft und Besonnenheit kann die unter Konrad Adenauer installierte freiheitlich demokratische Grundordnung dauerhaft erhalten werden. Uns Deutschen kommt hier eine ganz besondere Verantwortung zu, beim international nun etwas populäreren Nationalismus die europäische Basis, die uns Frieden und Wohlstand beschert, permanent und nachhaltig zu stärken. Es kann nur im Interesse des europäischen Friedens sein, wenn Deutschland behutsam aber entschieden über dem Geschwätz irgendwelcher nationaler Propagandisten steht, und undemokratischen Artikulationen und Handlungen entschieden eine Absage erklärt.

    Frieden und Demokratie steht über der Ehre einer Nation und macht die Nation ehrbar, die eben diese Werte vehement vertritt und mit den sich aus ihnen ergebenden Mitteln und Möglichkeiten durchsetzt.

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