I Wanna New Drug

Mehrere Stunden wummert eine Kakophonie aus Motoren- und Auspuffgeräuschen durch die Stadt. Anwohner sind genervt, Zuschauer entweder amüsiert, glückselig oder angewidert. Alltag bei den Hamburger Harley-Days, die alljährlich in der Hansestadt stattfinden.

Strahlender Sonnenschein, tausende flanierender Touristen und Einwohner, alle genießen den Blick auf die Alster und das schöne Wetter. In regelmäßigen Abständen röhren Motoren und Auspuffrohre durch die Straße. Anwohner sind genervt, Zuschauer entweder amüsiert, glückselig oder angewidert. Alltag an jedem Sonntag mit schönem Wetter rund um die Binnenalster.

Nachts um 0:30, ein ganzer Stadtteil erbebt unter infernalischem Geknatter, das sich schrill erhebt und nur allmählich in der Ferne verebbt. Anwohner sind genervt, Zuschauer gibt es selten um diese Zeit. Alltag im Hamburger Stadtgebiet.

Seit einigen Monaten gibt es eine Ermittlungsgruppe „Autoposer“ der Hamburger Polizei, die sich zumindest mit den letzten beiden Ausprägungen neudeutscher Jugendkultur befaßt und mittlerweile (Stand Januar 2018) 69 Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen hat, die aufgrund von vorgenommenen Manipulationen vornehmlich der Abgasanlagen keine allgemeine Betriebserlaubnis haben und somit auf öffentlichen Straßen nicht zugelassen sind.
Was diese Ermittlungsgruppe bei den Harley-Days, eine von den Honoratioren der Stadt erbittert verteidigte Kommerzveranstaltung zum Wohl einiger Geschäftsleute und zum Schaden der Bürger, ausrichten wird, darf in gespannter Erwartung zu gegebener Zeit beobachtet werden.

Die Leserbrief- und Kommentarspalten der lokalen Presse sind voll mit Erregung und Beschreibung einer bizarren Szene aus testosterongesteuerten, meist migrationshintergründigen Jugendlichen oder solchen Erwachsenen, die ihre Pubertät bislang noch zu überwinden suchen. Angefeuert von einer Industrie, die, wie Volkswagen, sich nicht entblödet, für die, die sich aufwendige Umbauten der Auspuffanlagen finanziell nicht erlauben können, Geräuschmodule anzubieten, damit, O-Ton Volkswagen, der Golf-Diesel-Fahrer sich wie in einem GTi vorkommen kann.

Nun kann man sich wohlfeil aufregen über dieses Zeitgeistphänomen und sich Zeiten zurückwünschen, in denen Jugendliche noch gehorchten, wenn man ihnen Vorschriften machte.
Aber wünschen wir uns diese Zeiten tatsächlich zurück? Und vor allem, sind wir ehrlich, wenn wir diese Zeiten verklären als Zeiten, in denen es „sowas nicht gegeben“ hat?
Ich erinnere mich an die zu meinen Kindertagen beliebte Kreidler Florett, die mittels entfernter Schalldämpfer und ausgewechselter Ritzelscheiben erstens einen infernalischen, hochtönenden Lärm verbreiteten und zweitens deutlich schneller fuhren, als es das Fahrvermögen der Besitzer rechtfertigte.
Oder die Phase, als ein Auto nur dann von Jugendlichen ernst genommen wurde, wenn ein GTi oder sonstiges PS-steigerndes Kürzel daran angebracht und Reifen in bandscheibenruinierenden Formaten aufgezogen waren, die angeblich der besseren Straßenlage dienten, in Wirklichkeit aber eher späteren Generationen von Orthopäden und Physiotherapeuten zu einem stabilen Patientenstamm verhalfen.

Was steckt hinter diesen Menschen, die mittels Lärm oder Chrom oder PS oder allem zusammen ihre Mitmenschen belästigen? Erste Berichte aus der Ermittlungsgruppe geben ein interessantes Bild. Es handelt sich selten um Menschen wie den ehemaligen HSV-Torhüter Wiese, der mit seinen Millionen offensichtlich nichts Besseres anzufangen weiß, als mit einem verkehrsuntauglichen PS-Boliden um die Alster zu kreisen. Meist sind es sogenannte kleine Leute oder Nobodys. Das Geld mühsam zusammengespart, die Autos geleast, entwendet oder mit mehreren Kumpanen gemietet, investieren sie es in aufgebrezelte Blechmonster, um gesehen (und leider auch gehört) zu werden.

Der Mensch als solches giert nach Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist eine Droge. Keine gesundheitsgefährdende, wie bspw. Alkohol, Nikotin, Cannabis etc. Aber eine möglicherweise massiv bewußtseinsverändernde. Allen gemein ist der ihnen innewohnende Suchtfaktor. Man kann lernen, damit umzugehen, wie wohl die meisten Menschen es tagtäglich praktizieren und vorleben, oder man kann zum Junkie werden. Wie etwa ein Großteil der sogenannten B- bis Z-Promis der diversen TV-Anstalten, die uns an ihrer Sucht täglich in diversen Formaten teilhaben lassen.
In der Vergangenheit war Aufmerksamkeit, im Gegensatz zu den beschriebenen Rauschmitteln, recht kostengünstig zu bekommen. Leistung im Beruf, in der Schule, in der Uni, im Hobby oder im Ehrenamt reichten bisher offenbar dem Gros der Menschen aus, um deren Grundbedürfnisse nach diesem Lebenselixier zu decken. Liebende Eltern, Partner und Freunde deckten den Bedarf im privaten Umfeld.

In Zeiten der multimedialen Überflutung dagegen und unter dem Eindruck einer immer unübersichtlichen Welt erscheint es zum Einen erstrebenswert, die Aufmerksamkeit größerer Kreise zu erringen, als es gute Leistungen in Kleinbereichen ermöglichen, und zum anderen ist es immer schwerer, mit Dingen Aufmerksamkeit zu erzeugen, die sich dem Betrachter erst bei näherem Hinsehen erschließen. Daß jemand ein erfolgreicher Geschäftsmann ist, sieht man entweder an seinen Bilanzen, oder eben an seinem Lamborghini.

Hier liegt aber schon die Crux. Fährt jemand Lamborghini, ist der Rückschluß, es handele sich um einen erfolgreichen Geschäftsmann leider so trügerisch wie weit verbreitet. Erst der, den meisten Menschen aber verwehrte, Blick in die Bilanzen könnte zeigen ob es sich um eine Annahme oder eine Tatsache handelt.
Daß diese Überlegung aber vielen Lamborghinifahrerbewunderern abgeht, setzt eine Spirale in Bewegung, an deren Ende zwei Gruppen von Menschen unheilvoll miteinander verbunden sind: Genervte Spaziergänger am Sonntag an der Alster und Aufmerksamkeitsjunkies mit teuren Sportwagen, die, mittels Auspuffradau um Aufmerksamkeit jeder Art buhlend, eben diese Alster umkreisen. Immer und immer wieder und in dem Glauben, man würde Sie für erfolgreiche „Was-auch-immer“ halten. Daß alle nur genervt sind, ist dabei mittlerweile egal, die Psychologie hat die Erkenntnis hinreichend bestätigt, daß selbst negative Aufmerksamkeit besser ist, als keine.

Wie schon angedeutet, ist auch bei diesem Thema Kulturpessimismus nicht das Mittel der Wahl, um diesem Phänomen beizukommen. Zum einen, weil die mittlerweile zur Karikatur verkommene Annahme, daß „früher alles besser“ war, auch durch noch so viele Einzelbeispiele mit maximal anekdotischer Evidenz nicht richtiger wird, und zum anderen, weil jeglichem Verweis auf andere Zeiten und andere Sitten schon immer der Versuch zugrunde lag, sich selbst aus dem Geschehen und damit aus der Verantwortung zu nehmen.
Eine schonungslos ehrliche Analyse kann nur zu folgendem Ergebnis führen: Solange mehr als 200.000 Menschen in eine Stadt kommen, um 10.000 anderen Menschen zuzujubeln, die die Belästigung der Bewohner einer Stadt mit Lärm zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Lebensgefühls erkoren und meinen, sich damit das Recht erworben zu haben, eben genau dieses zu tun, solange muß niemand darauf hoffen, daß dieser Aufmerksamkeitshype je abebben wird.

Als abschließende Hausaufgabe bleiben drei Fragen an jeden Leser, der sich über laute Autos und Motorräder in der Stadt ärgert:

  • Wann waren Sie zum letzten Mal Teil einer genervten Menge Menschen, die eine andere Menge Menschen wegen ihres Tuns zur Hölle gewünscht haben?

  • Wann sind Sie zum letzten Mal ein Teil einer jubelnden Menge gewesen und haben die von Ihnen sehr genervte andere Menge als Spaßbremsen angesehen?

  • Welches Maß an Aufmerksamkeit darf es denn für Ihre Sucht sein?

Sehen Sie?
Sie dürfen die Fragen und Antworten gern mit Ihrem Spiegelbild diskutieren. Gutes Gelingen.

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