Abschied

Wie soll das bloß weitergehen. Noch drei Tage, dann ist das alles hier Vergangenheit. Dann verliert er mindestens sechs Freunde, darunter einen, der ihm besonders wichtig war. Dieser Eine ist seine Konstante hier in dieser Umgebung, er hat ihm in den letzten vier Jahren die Welt erklärt, hat ihn angespornt, getröstet und hat sich für ihn zu so etwas wie einem Ersatzvater entwickelt. Das alles soll also in drei Tagen vorbei sein. Er ist völlig hilf- und ratlos. Er könnte heulen.

Seine Eltern haben ihm die neue Umgebung in den hellsten Tönen gemalt, haben neue Freunde in Aussicht gestellt, haben von neuen Chancen gesprochen, von Weichen, die für das Leben gestellt werden und dergleichen Unfug mehr. Was sollte das alles sein, diese völlig ungreifbaren Dinge, die alle eines gemeinsam hatten: Er mußte dafür seine gewohnte Umgebung aufgeben, seine Freunde und seine Sicherheit. Was denken sich die Erwachsenen, was man als 10jähriger von Chancen und Weichenstellungen weiß ? Welch unzureichender Trost mögliche neue Freunde sein sollen, wenn man dafür die geliebten alten verliert ? Eltern wissen gar nichts ! Zudem muß er demnächst auch noch eine halbe Stunde eher aufstehen, weil der Schulweg demnächst viel länger ist.

„Ich will nicht in dieses Scheiß-Gima…Gimna…, verdammt, ich weiß ja noch nicht einmal, wie man das schreibt. Ich will meine Freunde behalten, ich will bei meinem Lehrer bleiben, ich will, das alles so bleibt, wie es ist. Wer sich diesen Mist ausgedacht hat, hat keine Ahnung von dem was ich will und was gut für mich ist.“ denkt er.

Und jetzt kann er die Tränen auch nicht mehr halten. Hemmungslos bricht die ganze Hilflosigkeit und die ganze Trauer aus ihm heraus. Sein großer Freund kommt an seinen Platz, streicht ihm über den Kopf, klopft ihm auf die Schulter und sagt nichts. Er ist einfach nur da. Wie gut er das kennt. Diese für ihn kleinen, für die Betroffenen aber mitunter existenzbedrohenden Veränderungen. Für ihn ist es auch jedes Jahr ein Abschied, trotz langer Übung immer noch ein Abschied mit Wehmut. Manchmal trifft er einen der Schüler wieder, später, im Leben. Und er freut sich, wenn es ihnen gut ergangen ist. Und er denkt dann immer an die Kleinen, die entweder freudig neugierig oder eben, wie in diesem Fall unendlich traurig die Grundschule verlassen müssen.

Warum ? Das hat ihm in seinen mittlerweile 40 Berufsjahren auch noch keiner plausibel erklären können.

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