Im Westen nichts Neues …

Gleich sind wir da, denkt er. Noch zwei Minuten, dann landet die Transall auf dem Flugplatz von wiehießgleichdasKaffnoch?. Sechs Monate Ausbildung und jetzt kann ich endlich zeigen, was ich gelernt habe in den sechs Monaten. Ein zerstörtes Land sollen wir aufbauen, den Menschen eine Zukunft geben. Ich bin mal gespannt, was mich dort erwartet ?!

Die Maschine setzt etwas unsanft auf, er wird gegen seinen Nebenmann geschleudert, ein letztes Aufheulen der Maschinen, dann steht der Vogel. Gepäck aufnehmen, ruft jemand. Alle drängen zum Ausgang. Welche Hitze, denkt er noch, und die Sonne ist ganz schön hell. Er springt von der Rampe, er spürt noch einen Schlag. Wie er auf dem Boden ankommt, spürt er schon nicht mehr.

Sein persönlicher humanitärer Einsatz ist beendet, bevor er begonnen hat. Die Sorgen seiner Frau, seiner Eltern und seines dreijährigen Sohnes sind ebenfalls beendet, es beginnt eine neue Zeitrechnung für die Hinterbliebenen. Vor und nach dem heutigen Tag. Und es beginnt unendliche Trauer.

In den Bergen schraubt jemand das Zielfernrohr von seinem Gewehr. Heute nur einen. Aber wieder einer weniger von diesen verhassten Eindringlingen. Er bleibt auf dem Weg zurück zur Familie bei einem Straßenhändler stehen und kauft ein paar Äpfel. Die mag sein kleiner Sohn so gern.

Für die Regierung ist es der 475. Tote des humanitären Einsatzes, der immer noch nicht Krieg genannt wird, weil es juristisch nicht möglich ist, einen Krieg Krieg zu nennen. Sagt der Regierungschef. Und sagt der Verteidigungsminister, der gar nichts hat verteidigen lassen bisher, nur angreifen hat er lassen. Zu den Trauerfeiern kommen schon nur noch Ministerialbeamte. Der Regierungschef und sein Minister sind leider wegen dringender Regierungsgeschäfte verhindert, es tut uns leid, sie wären gern gekommen, aber das müsse man verstehen.

In der Zeitung auf Seite 1 steht, der Krieg sei beendet. Ein kleiner Junge in der Straßenbahn fragt seine Mutter: Mami, was ist Krieg ? Die Mutter starrt stumm geradeaus und bleibt die Antwort schuldig, der Kleine bohrt nicht weiter nach. Auf Seite 15 der Zeitung steht, daß ein ehemaliger Soldat seine Frau, seine zwei Kinder und dann sich selbst erschossen hat. Er hat es einfach nicht mehr ausgehalten…

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Ein Kommentar zu Im Westen nichts Neues …

  1. myspaceopfer sagt:

    sehr gefühlvoll geschrieben. und so wahr in seiner banalität der schilderung. das stimmt nachdenklicher als so manch polemischer text.

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