Selbstjustiz

Da hockt er nun auf der Anklagebank und erwartet das Urteil. 4 Jahre nach der Tat und quälend langer Ungewissheit. Hilda sitzt dem Mörder ihres Kindes gegenüber. Er hat gestanden. Er hat gesagt, wo er die sterblichen Überreste von Arne verscharrt hat. Seitdem gibt es endlich einen Ort, an dem sie trauern kann.

Ein Kind fast noch. Erst 20 Jahre alt. Aber er hat ihren Sohn ermordet. Mit Vorsatz. Am ersten Prozeßtag, nachdem der Staatsanwalt die Anklage verlesen hatte, legte der Verteidiger eine erschreckende Lebensgeschichte offen. Mißbrauch, Ablehnung, brutale Gewaltexzesse durch den Vater. Dieser Täter ist offenbar seit frühester Kindheit durch die Hölle gegangen.

Der Prozeß hat drei Monate gedauert. Drei Monate, in denen jedes Detail der Tat öffentlich wird. Drei Monate, in dem auch jedes Teil des chancenlosen Lebens des Täters öffentlich wird. Drei Monate, in denen die Presse langsam das Interesse verliert und nur auf das Urteil wartet. Das Urteil, das noch einmal Auflage bringen wird. Drei Monate, in denen ein Entschluß in Hilda heranreift.

Hilda verharrt wie seit dem ersten Prozeßtag im Saal und folgt stumm und regungslos dem Richterspruch und der anschließenden Begründung.

Im Namen des Volkes.

Sie hat wenig Tränen. Die Trauer um Arne hat auch den Rest ihrer Familie zerstört. Frank, ihr Mann, ist nicht in der Lage, das Geschehene anzunehmen. Gefangen in seiner Trauer und in Selbstvorwürfen blieb ihm nur die Einsamkeit. Hilda hat versucht, in den Alltag zurückzufinden.

Nachdem der Richter die Verhandlung für beendet erklärt, verläßt sie das Gerichtsgebäude und fährt mit der Straßenbahn nach Hause. Sie blickt aus dem Fenster und ist froh, daß es vorbei ist. Vorbei die Ungewissheit, vorbei die tiefe Trauer, die einer nie mehr endenden Wehmut gewichen ist. Vorbei auch der abgrundtiefe Haß, der sie beinahe hätte scheitern lassen.

Als sie an einem Kinderspielplatz vorbei fährt, sucht sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. Der kalte Stahl der Pistole läßt sie noch einmal kurz erschauern, dann ist auch dieser Moment vorbei. Sie ist frei.

Dieser Beitrag wurde unter Kurzgeschichten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.