Das Leben

So zeitig wie heute waren sie selten zusammengekommen. 8:30 Uhr in der Früh war sonst nicht üblich. Heute Morgen waren sie mal wieder alle beisammen. Michael, Peter, Uwe, Klaus und auch Heinz.

Die letzte gemeinsame Unternehmung fand zum Anlaß von Michaels 50. Geburtstag statt, der nun auch schon wieder sieben Jahre zurücklag. Man hatte sich schon gestern getroffen, um über die alten Zeiten zu quatschen. Nach etwa einer Stunde gegenseitiger Erinnerungen an Sauftouren, angeblich eroberter Damen und dergleichen, was Männer sich mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit so vorprotzen, war man aber doch in der Gegenwart angelangt.

Angelangt bei verpaßten Chancen, abgelegten Lieben und erlangten Erfolgen.

Klaus, der mal eine große Musikerkarriere geplant hatte, wie ein Wilder auf seiner ersten Gitarre herumgeschrammelt hatte und es mit enormem Übungsaufwand aber begrenztem Talent immerhin zu einem Mitglied in der örtlichen Bluesband geschafft hat, bei der er sich ganz passabel schlägt.

Michael, der schon zu Zeiten des jugendlichen Aufruhrs immer zur Besonnenheit gemahnt hatte, ständig kontrolliert durchs Leben ging, immer alles im Griff zu haben schien, dann aber doch, als er die Liebe seines Lebens einem Bankangestellten aus der Nachbarstadt überlassen mußte, die Kontrolle über sich und sein Leben verlor und zum Alkoholiker wurde. Heute glücklicherweise trocken und wieder mit beiden Beinen auf dem Boden.

Peter, der, in Jugendjahren immer unangepaßt und rebellisch gegen alles und jeden aufbegehrend, heute ein Leben führt, das so weit weg von seinen alten Idealen ist, daß er sie kaum noch sieht. Aber er ist glücklich und im Grunde seines Herzens immer noch unangepaßt. Nur das Rebellische hat gegen Altersmilde getauscht.

Uwe, der immer zielstrebig, bestimmt und geradlinig durchs Leben ging, bei der Bundeswehr war, später eine zweite Karriere startete und nach allerlei Wirrungen und zwischenzeitlichen Selbstzweifeln heute da ist, wo er immer hin gewollt hat, bei sich.

Und Heinz.

Heinz hatte immer das Ziel, es allen zu zeigen. Seinem Vater, seinen Lehrern, seiner Frau, seinen Kindern. Eben allen. Heinz kämpfte sein Leben lang. Um Anerkennung, um seine Ziele, um seine Karriere. Das Leben ist ein ständiger Kampf, war einer seiner Sprüche. Dem Kampf hat er alles untergeordnet. Und immer alles geplant.

Bis auf den heutigen Tag. Auf den war er nicht vorbereitet.

„Und nun begleiten wir unseren Freund, Ehemann und Vater, Heinz Bornkamp auf seinem letzten Weg zur ewigen Ruhe“, reißt der Pfarrer sie aus ihren Gedanken. Still erheben sich die verbliebenen Freunde und folgen hinter Marlene und den Kindern dem Sarg.

Heinz war nur 58 Jahre alt geworden. 58 Jahre Kampf waren beendet. Wofür?

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