Es ist nie vorbei

Heute ist wieder so ein Tag. Die halbe Nacht im Schützengraben in Charkow, die andere Hälfte in der Kohlengrube in Karaganda. Morgens aufgewacht wie gerädert und wie immer voller Angst.

Am Frühstückstisch sitzt Frank, sein kleiner Sohn, voller Leben, Ideen und Spontanität. Ununterbrochen plappert er über irgendetwas, was er erlebt, im Kopf bewegt oder gesehen hat. Gabi, Franks kleine Schwester, lacht laut, wenn Frank seine Erzählungen mit allerlei Gesten und Grimassen untermalt.

Als Gabi dabei den Kakaobecher umstößt, sieht er rot. Er greift sich Frank und schlägt blindwütig auf ihn ein. Immer wieder. Gabi sitzt nur stumm dabei. Es ist gut, sagt seine Frau nach einer Weile. Frank schreit wie am Spieß.

Er setzt sich wieder hin und verfällt in grübelnde Schweigsamkeit. Als Frank sich wieder beruhigt hat, sagt seine Mutter: Das kommt davon.

Er haßt sich. Er sieht sich beim Leben zu, sieht, wie er alles falsch macht mit seinen Kindern, mit seiner Frau, mit Freunden, und doch kann er es nicht abstellen. Er ist innerlich wie angebunden, wie gefesselt, wenn er neben sich steht und sieht, wie sein Alter Ego Frank verprügelt oder es Gabi nur androht. Geschlagen hat er sie noch nie. Vermutlich ein letzter Rest von Hemmung, der noch wirkt.

Was wissen die schon alle. Leben friedlich und in Freuden in den Tag und genießen ihre Kinderzeit, während er dagegen im elterlichen Betrieb schuften mußte, vom Vater geschlagen und gedemütigt. Dann Militär, das gleiche Spiel. Demütigungen, Erniedrigungen. Jeden Tag aufs Neue. Und dann der Krieg. Der verdammte Krieg. Nichts wußten die. Gar nichts. Und immer diese verdammten Bilder im Kopf. Und die Angst, daß das rauskommt, mit den Erschießungen in Rußland…

Seine Frau weiß nichts von alledem.

Sie war wach geworden in der Nacht von seinen Schreien. War wohl wieder im Krieg. Das kannte sie. Wie oft durchlebte sie die Nächte im Keller erneut. Bomben die ganze Nacht. Und am Tage die Leichen und zerstörten Häuser. Die Mutter, die ständig drohte, wegzugehen, wenn die Kinder nicht spurten. Der Vater, von dem niemand wußte, wo er war.

1948 kam er wieder. Nichts hatte er mehr mit dem geliebten Vater zu tun, der er sieben Jahre zuvor war.

Sie weiß, heute ist wieder so ein Tag. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es passiert. Als der Kakaobecher fliegt, ist es soweit. Er schlägt wie besinnungslos auf den Jungen ein. Wie oft hatte sie Frank gesagt, er soll sich benehmen am Tisch. Selbst schuld. Aber jetzt ist es gut. Und das sagt sie ihm dann auch. Und er hörte auf.

Was wissen die schon von meinen Ängsten. Von den Menschen, die man aus dem Keller warf, weil sie einen Stern an der Jacke hatten und die morgens tot vor der Bunkertür lagen. Von der Mutter, die sie am Stuhl festband, wenn sie das Haus verließ. Und von dem Mann auf dem Dachboden, den sie dem Polizisten gemeldet hatte, wie es die Lehrerin ihnen aufgetragen hatte.

Sie reden nicht. Nicht zusammen, nicht mit den Kindern, nicht mit Freunden oder Nachbarn. Sie leben ihr Leben so herunter. Die Alltagskommunikation. Aber mehr auch nicht. Die Kinder. Ja, die Kinder. Die hat man. Und die sollen gefälligst spuren und keinen Ärger machen.

Frank sitzt am Tisch und sagt kein Wort. Gabi auch nicht. Sieh sehen beide auf den Boden. Es ist so ausweglos. Wieder einmal.

Jahre später stehen sie nebeneinander auf dem Friedhof. Wortlos, auf den Boden blickend und an die Menschen denkend, die sie gerade beerdigen. Sie waren wie Fremde für sie. Die aufkommende Trauer ist Trauer um sich selbst. Sie nehmen sich in den Arm und weinen. Weinen um sich selbst und sind damit einen Schritt weiter als die, die sie gerade zu Grabe getragen haben.

Warum hast Du und Tante Gabi geweint, fragt Paul, Franks kleiner Sohn, der immer alles ganz genau wissen will und sehr genau beobachtet.
Wir sind traurig, weil Oma und Opa tot sind und wir uns noch so viel hätten sagen müssen. Das geht nun nicht mehr.

Ihr braucht nicht traurig sein, ihr habt ja uns. Er zeigt stolz auf sich und Lisa, Gabis Tochter. Wir passen auf Euch auf. Seit Paul im Kindergarten zu den Großen gehört, ist er ein Riese.

Frank hat seinen Sohn noch nie geschlagen. Wie könnte er auch. Diesen kleinen, lebhaften Sonnenschein, der seinen Vater so sehr liebt.

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Ein Kommentar zu Es ist nie vorbei

  1. maxifant sagt:

    Yep, so sieht es aus. Meine Mutter ist die Gabi gewesen, ihre Geschwister Frank. Meine Mutter lebt noch, ihre zum Teil deutlich jüngeren Geschwister sind schon alle tot. Als ich sie vor knapp zwei Wochen auf den möglichen Zusammenhang aufmerksam gemacht habe, ist sie sehr erschreckt. Der Vater war in Russland und Italien gewesen, dort wurde er zum Invaliden geschossen. Alle anderen um ihn herum starben, weil sie sich hinter den Panzer gelegt hatten, nur er war stehen geblieben – das hat ihm das Leben gerettet und die Beine zu Klump.
    Der enorme (Selbst-)Hass, der in den Schlag-Explosionen Erlösung suchte, ist aber nicht einfach dadurch weg, dass diese Generation auf dem Friedhof liegt (bei uns seit etwa 1985), so einfach ist das leider nicht. Selbst ich als übernächste Generation muss im Umgang mit meinen Kindern darum kämpfen, nicht die Strafart zu wiederholen, mit der uns unsere Mutter quälte: Missachtung / Ignorieren (darauf war sie “umgestiegen”, weil sie sich geschworen hatte, ihre Kinder nie schlagen zu wollen – sie hat sich ihr ganzes Leben daran gehalten).

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