Ist der Rest schweigen?

Seit einer Viertelstunde sitzt er unbeweglich auf seinem Stuhl und starrt auf die Mattscheibe. Längst läuft irgendwelcher geistloser Kram, dem er sich durch die Lautlostaste entzogen hat. Die Bilder, die er sieht, haben nichts mit dem zu tun, was auf dem Bildschirm flimmert. Die Bilder sind in seinem Kopf.

Drei Abende lang hat er Gelegenheit gehabt, endlich ein paar Antworten zu bekommen. Auf Fragen, die ihm in der Seele gebrannt haben, die er aber damals nicht zu stellen gewagt hatte, aus Angst, wieder einem der Wutanfälle seiner Eltern zum Opfer zu fallen.

Später, als Student, hatten andere für ihn die Fragen gestellt. Allerdings auch sie ohne Chance auf realistische Antworten. „Bei Hitler hätten sie Euch vergast“ oder „Damals gab’s für solche wie Euch Arbeitslager“ waren stattdessen die gängigen Reaktionen der Befragten. Oder noch schlimmer, sie schlugen mit Knüppeln zurück.

Am 2. Juni 67 schossen sie sogar.

Drei Abende lang zeigten ein junger Regisseur und eine Riege junger Schauspieler, was die Generation der Eltern seit mehr als 60 Jahren wortlos mit sich herumschleppt. Drei Abende lang konnte er erleben, wie Träume zerplatzen, wie Menschen zu Tieren werden, wieviel unendliches Leid die Eltern erlebt haben. Und wie schnell sich manchmal die Trennlinie zwischen Gut und Böse überschreiten läßt.

Aber sie haben geschwiegen. Aus Scham? Aus Angst?

Seine Eltern sind lange tot. Er hat sie seit jenen 68er Jahren nie wieder gesehen oder gesprochen. Sie wollten ihn nicht sehen und er wollte sie nicht sehen.

Und jetzt dieser Film. So etwas wie Sehnsucht kriecht in ihm hoch. Sehnsucht nach den Menschen, die seine Eltern vor dem Krieg gewesen sein müssen. Die er gerne kennen gelernt hätte. Die er jetzt gern gefragt hätte, ob das alles der Grund für dieses entsetzliche Schweigen gewesen ist. Dieses Schweigen, das ihn bis heute so hilflos zurückläßt. Dieses Schweigen, das so grausam ist für die, die doch Antworten wollen. Die Verstehen wollen.

Andere Bilder gelangen in seine Gedanken. Anscheinend ohne Zusammenhang zu dem, was ihn gerade bewegt. Das TV läuft noch immer. Es geht um die RAF. Mal wieder.
Der Sohn des Generalbundesanwaltes kämpft noch immer darum, endlich Antworten zu bekommen. Er zerbricht an diesem grausamen Schweigen derer, die wissen müssen, wer seinen Vater ermordet hat. Er will nicht anklagen. Er will verstehen.

Der Sohn ist um die 60. So alt wie er. Wenn er in das verzweifelte Gesicht schaut, sieht er sein Spiegelbild aus 1968.

Er steht auf und nimmt Papier aus dem Schrank. Er schreibt und schreibt und schreibt. Anschließend gibt er den Brief an den diensthabenden Beamten des Vollzuges. Nach diesem Film kann er nicht mehr schweigen. Er kann es einfach nicht mehr.

Sein nächster Brief ist an den Bundespräsidenten. Er dankt ihm für die Begnadigung. Nächsten Monat verläßt er das Gefängnis. Nach 28 Jahren. Trotz des Schweigens.

Er ist beschämt, aber auch erleichtert.

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