Führung und Verantwortung

Oha, mag mancher denken, was kommt denn jetzt? Das klingt verdächtig nach Militär, Preußen oder sonstigen ollen Kamellen, mit denen wir eigentlich nichts mehr zu tun haben wollen.

Ist das tatsächlich so?

Zunächst der Versuch einer Begriffsklärung. Was ist Führung? Und da es hier um Menschen gehen soll, was ist Menschenführung?

Kurz und prägnant: Menschenführung ist der Versuch eines Einzelnen oder einer Gruppe, steuernd und richtungsweisend mit Hilfe von Führungsinstrumenten wie Zielvereinbarungen, Delegation etc. auf eigenes [sic!] und fremdes Handeln einzuwirken.

Nächste Frage: Was ist Verantwortung?

Man kann es wissenschaftlich oder juristisch ausdrücken, ich versuche es mit dem gesunden Menschenverstand. Ich tue oder unterlasse etwas. Daraus entstehen Folgen. Für diese Folgen bin ich ursächlich verantwortlich. Zugegeben sehr eindimensional, aber im Kern ist es genau so.

Bringe ich diese beiden Begriffe nun zusammen, dann bin ich auch für das, was ich mittels Führung von anderen tun lasse, indem ich sie zu dem Tun veranlasse, verantwortlich. Allerdings ist das keine Einbahnstraße. Dazu weiter unten Näheres. Das ist in aller Kürze das System von Führung und Verantwortung.

Bleibt die Frage, sind das wirklich olle Kamellen? Ist das wirklich auf Militär und Preußen beschränkt und damit etwas, was Lafontaine seinerzeit als Sekundärtugenden geschmäht hat, mit denen man auch ein KZ betreiben könne?

Ich meine, nein! Gerade in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs, wie wir sie nach dem Zusammenbruch des Versuchs, der vermeintlichen Gleichheit der Menschen politischen und gesellschaftlichen Rahmen zu verleihen, erleben, sind diese Dinge wichtiger denn je.

Menschen verlangen seit jeher, eben weil sie nicht so gleich sind, wie mancher sie gern hätte, nach Führung und Verantwortung. Führung, weil sie in Krisensituationen, abseits von Schwarmintelligenz, die alle weglaufen läßt, wenn Gefahr droht, eben nicht alle immer genau wissen, was zu tun ist. Und Verantwortung, weil sie jemanden benötigen, der diese trägt, insbesondere, wenn etwas schief geht. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit dazu. 1945 wollten alle alles Hitler in die Schuhe schieben und niemand wollte es gewesen sein, als die Frage nach den Wählern der NSDAP 1932/33 gestellt wurde.

An dem Beispiel zeigt sich, wie sensibel mit diesen Begriffen umgegangen werden muß und wie untrennbar sie miteinander verbunden sind. Man hatte den Nazis 1933 die Macht verliehen, die Verantwortung für die Art von „Führung“, die diese dann daraus ableiteten, wollte man aber äußert ungern übernehmen. Soviel zu dem Thema, Verantwortungsdelegation ist keine Einbahnstraße.

Gleichwohl verlangen auch heute die Menschen nach Führung. Weniger in Form von militärischen Kommandos oder zackigem Auftreten als vielmehr durch vorbildhaftes Verhalten und moralischer Integrität. Und das umso mehr, als sie selbst immer weniger in der Lage oder Willens sind, dieses vorbildhafte Verhalten an den Tag zu legen. Die Menschen verlangen heute von dem Führungspersonal ein Maß an Integrität und Perfektion, daß sie gegen sich selbst nie gelten lassen würden. Und sie verlangen es mit einer Vehemenz und Unnachgiebigkeit, die mitunter das Fürchten lehrt.

Was kann man daraus lernen? Oder besser, wie kann man dem begegnen?

Zuerst einmal ist festzustellen, daß das alte Sprichwort, daß der Fisch immer am Kopf zuerst stinkt, zwar nach wie vor seine Gültigkeit hat, aber nur die halbe Wahrheit ist. Wenn eine Führungsperson sein eigenes Fehlverhalten damit rechtfertigt, daß es alle anderen ja auch so machen, dann ist er als Führungsperson schon so ausreichend disqualifiziert, daß man darüber nicht weiter reden muß.
Es zeigt aber auch, daß in den Führungsetagen eine Haltung angekommen ist, die im Volk schon vorhanden ist und sich irgendwann an die Spitze entwickelt hat. Man rechtfertigt sich in seinem Fehlverhalten gegenseitig und reduziert das Fehlverhalten auf eine feste Größe, gegen die man „nichts machen“ kann.

Kann man wirklich nichts machen?

Wieder ein altes Sprichwort: Wenn jeder vor seiner eigenen Tür kehrt, ist es überall sauber. Stimmt! Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es ist nicht gemeint, daß man sich nicht mehr einmischen soll, wenn irgendwo Unrecht geschieht. Gemeint ist: Ich muß mein eigenes Verhalten reflektieren.

Kann ich mit meinem Verhalten bestehen vor dem Anspruch, den ich an andere habe? Woher kommt mein Anspruch an andere? Aus mir selbst? Aus allgemeinen Normen? Aus der Lehre von Moral und Ethik? Aus der Religion? Aus meinem unerfüllbaren Wunsch an mich selbst nach Perfektion? Was tue ich, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden? Wie gehe ich mit mir um, wenn ich es nicht schaffe, diesen Ansprüchen gerecht zu werden?

Diese Fragen gilt es, individuell zu beantworten. Jeder für sich und ohne Öffentlichkeit. Danach kann man die Verantwortung, jemanden zu wählen, der dann seinerseits die Führung übernimmt, möglicherweise etwas leichter tragen und auch genauer hinsehen, bevor man die Verantwortung für Handeln im eigenen Namen in Teilen aus der Hand gibt.

Und mit Sicherheit reifen dann wieder vermehrt Führungskräfte heran, die, wie seinerzeit Helmut Schmidt bei der Flutkatastrophe in Hamburg, bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und dabei ohne Ansehen der eigenen Person und ohne Blick auf die persönlichen Konsequenzen das tun, was sie für notwendig erachten. Und die willens und bereit sind, sich dafür hinterher auch zur Rechenschaft heranziehen zu lassen. Oder gar wie Willy Brandt, der als Bundeskanzler die Verantwortung für das Fehlverhalten anderer übernahm und schuldlos zurücktrat.

Und dann wird es möglicherweise auch nicht mehr dazu kommen, daß Menschen sich zu solch unwürdigen Schauspielen wie Pro-Guttenberg- oder Kontra-Wulff-Demonstrationen zusammenfinden, weil sich so ein Unfug von selbst verbietet.

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