Von der Pflicht, zu dienen

Frage nicht, was Dein Staat für Dich tun kann, frage, was Du für Deinen Staat tun kannst. Zugegeben, dieser, leicht abgewandelte, Satz von John F. Kennedy ist mittlerweile so abgedroschen, wie diese nachgestellte, entschuldigende Phrase.

Abgedroschene Phrasen sind allerdings nur abgedroschen, sie werden dabei nicht unwahrer. Wahrheitsgehalt unterliegt keiner Verflüchtigung, Wahrheiten gelten, bis sie widerlegt sind, oder ewig.

So auch diese. Ein Staat ist die zwar nicht nur die Summe seiner Staatsbürger plus deren Verfassung aber die Staatsbürger sind der Teil, der einem Staat Gesicht verleiht. Entweder häßliche Fratzen, wie in Bautzen oder Auschwitz, oder fröhliche Mienen, wie auf den Fanmeilen der Fußball-WM, auf denen es allerdings auch tiefe Trauer zu bemitleiden galt.

Was tue ich für meinen Staat ? Zu Beginn meines Lebens bin ich zunächst einmal Nutznießer dieses Gemeinwesens. Ich wachse auf in Freiheit, für die sich meine Eltern nach besten Kräften jeden Tag mehr oder weniger einsetzen, ich genieße die Einrichtungen des Gemeinwesens, mehr oder weniger kostenlos und freiwillig, wie Schule und Kindergarten, ich studiere oder mache eine berufliche Ausbildung, bei der mir die Allgemeinheit unter die Arme greift, auch hier mehr oder weniger, je nach der Fähigkeit zur Eigenleistung der Familie.

Und irgendwann kommt dieses Gemeinwesen auf mich zu, um einen Teil dieses Engagements zurückzufordern. Seit 1956 und bisher leider sehr einseitig auf die Landesverteidigung ausgerichtet und im Nachgang der Grundentscheidung zum Wehrdienst auch mit der Möglichkeit, mich außerhalb der Wehrpflicht in sozialen Einrichtungen einzubringen. Und leider, immer noch, nur gültig für junge Männer bzw. solche, die sich anschicken, welche zu werden.

Und diese, vom Grundsatz sinnvolle Einrichtung, soll nun, zum Wohle der Wirtschaft oder zum Wohle des Volkes oder zum Wohle der leeren Kassen des Staates, je nach Gusto des jeweiligen Vertreters dieser Forderung, wieder zur Disposition gestellt werden.

Glücklicherweise regt sich Widerstand. Und es gibt Menschen, die äußern den Wunsch nach einer allgemeinen Dienstpflicht. Unabhängig vom Geschlecht und unabhängig vom Wehrgedanken. Und ernten dafür erbitterte Kommentare mit den unvermeidlichen Parallelen zum Nazireich.

Dazu einige Anmerkungen.

– Den aktuellen deutschen Staat mit dem Nazireich zu vergleichen, ist so abstrus, daß sich weiteres Eingehen auf solch hanebüchenen Unsinn von selbst verbietet.

– Es ist für die Menschwerdung von jungen Erwachsenen nicht nachteilig, wenn sie Erfahrungen darin sammeln, wie es ist, etwas Sinnvolles zu tun, das nicht dem eigenen, monetären Vorteil dient.

– Eine allgemeine Dienstpflicht muß durchdacht, der Gemeinschaft verpflichtet und auf soziale Effizienz ausgerichtet sein, nichts, was sich innerhalb von einem Jahr „mal eben“ einführen läßt.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, junge Menschen sinnvoll und gemeinnützig für ein oder ein und ein halbes Jahr zu beschäftigen und daraus eine, neudeutsch win-win genannte, Situation entstehen zu lassen.

Selbstverständlich kostet es Geld, die dafür notwendigen Strukturen aufzubauen, selbstverständlich wird es viele Jugendliche geben, die dagegen aufbegehren, selbstverständlich wird sich das alles betriebswirtschaftlich nicht rechnen und selbstverständlich werden einige wenige, die an einem Umbau der Bundeswehr zur allseits einsatzbereiten Berufstruppe mit modernsten Waffen und Geräten klotzig verdienen, diese bilanzaufbessernde Entscheidung der Regierung mit allen Mitteln unterstützen und eine allgemeine Dienstpflicht unter Einbeziehung einer ausschließlich auf die Landesverteidigung ausgerichteten Bundeswehr mit allen Mitteln zu verhindern suchen (nicht umsonst kommen die vehementesten Ablehner der allgemeinen Dienstpflicht aus den Reihen derer, die sich immer noch nicht schämen, als Liberale aufzutreten).

Aber sind das Gründe, dieses Modell schon zu beerdigen, bevor man es konkret zu Ende gedacht hat ?
Gibt es nicht vielleicht einen volkswirtschaftlichen Nutzen, der zwar erst in einigen Jahren auch monetär meßbar ist, aber ab sofort in einigen sozialen Einrichtungen die Personalnot zum Wohle der Nutzer dieser Einrichtungen behebt ?
Der einigen Jugendlichen vielleicht wieder vor Augen führt, daß sie doch nicht so unnütz sind, wie man es ihnen allenthalben einzureden versucht ?
Der Jugendlichen zeigt, daß es Spaß machen kann, etwas zu leisten um des Leistens willen ?
Der zeigt, daß dankbare Blicke von Kindern, alten Leuten, Flutopfern oder sonstigen Nutznießern der sofortigen Hilfe von dienstpflichtunterstützten Einrichtungen eine Lohn sein können, der sich nicht mit den üblichen Bemessungsmaßstäben bewerten läßt ?

Wir leben in einem Staat, der der freiheitlichste ist, den es je auf deutschem Boden gegeben hat. Den es sich, bei aller Kritik an unzähligen Einzelfällen, zu erhalten lohnt und für den es sich anbietet, einen Teil dessen, was man bis zum 18. Geburtstag genossen hat, zurückzugeben. Um sich stärker mit diesem Gemeinwesen zu identifizieren und täglich darauf zu achten, daß dieses Gemeinwesen nicht an Egoismus, Gleichgültigkeit oder vorsätzlicher Zerstörungswut zugrunde geht.

An dem Platz, den man für eine fest gegebene Zeit selber wählen kann und der einem das Gefühl gibt, bei aller zugestandenen Individualität Teil des Ganzen zu sein und seinen Beitrag dafür geleistet zu haben. Sei es an der Waffe, am Sandsack, an der Feuerspritze oder am Rollstuhl. Und vor allem unabhängig davon, ob man Deutscher, Türke, Vietnamese Katholik, Jude, Moslem oder Atheist ist.

Der altmodische Begriff des Dienens muß seiner Vorbelastung entledigt und mit neuem Leben erfüllt werden. Dienst am Staat heißt Dienst an der Gemeinschaft und damit letztendlich auch Dienst an sich selbst. Wenn das nichts Positives ist ?

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5 Antworten zu Von der Pflicht, zu dienen

  1. TheK sagt:

    So einen Antrag hatten die Piraten Niedersachsen letztes WE auf dem Programmparteitag, dort nannte sich das Ding “Zivildienstpflicht”. Haken: Das ganze würde eine relativ deutliche Änderung von Art. 12a GG erfordern, in der aktuellen Form erlaubt dieser den Zivildienst nur nach Verweigerung und nur für Männer.

  2. Stimmt, es bedarf einer grundlegenden Revision des Artikels 12a.
    Das ist aber kein Haken sondern erfordert der Suche nach Mehrheiten.
    Im Volk, denke ich, gäbe es diese. Womit wir wieder bei der direkten
    Demokratie wären

  3. myspaceopfer sagt:

    ich sehe es schon kommen wie heere von 1-euro sklaven im öffentlichen dienst das machen was sozialpädagogen, kranken- und altenpfleger, erzieher und andere fachkräfte machen sollten. während der beruf des erziehers ein studienfach wird. wenn ich daran denke das alleine bei mir im betrieb bereits 3 sklaven am start sind die unsere infrastruktur am laufen halten (küche, bügeln, wischen, hausmeisterarbeiten) wo man mit ruhe festes personal einstellen könnte weil die arbeit dann zuverlässiger und stetiger erledigt würde und es zugleich den arbeitsmarkt entlastet. aber nein. die stadt will das nicht. harz 4 – willkommen in der modernen sklaverei.

  4. Al sagt:

    Hallo,
    ich wollte zwei Sachen dazu schreiben:
    1. Richter, die über Wehrdienstbeschädigungen urteilen, müssen gedient haben. Auch ich als Soldatenkind habe Wehrdiensteigentümlichkeiten im SVG erst anhand eines beispielhaften Falles befriedigend verstanden. Den fand ich durch eine Recherche im Internet. Ich selbst hätte nicht gedient, aber bemühe mich, in Bundeswehr- und Soldatensachen auf dem Laufenden zu bleiben. Es ist ja bis auf die Auslandseinsätze eine durchweg schöne Angelegenheit ,soweit ich sie kennen würde.

    2. Die Soldaten bemängeln. dass sie nicht in der Mitte der Gesellschaft „ankommen“. Dabei formen sie sie selbst, in mannigfaltiger Hinsicht (Gehalt, bürgerliche Herkunft und – Lebensweise, Nöte).

    Dass das nicht so ist, kann ich auch nur zur Kenntnis nehmen. Ich meine nur: Soldaten leben ganz schön autark (mit Kameraden). Wenn man einmal merkt, dass man selbst vielleicht auf sie angewiesen ist (zum Schneeräumen vom Dach), nicht aber sie auf einen angewiesen sind (scheinbar, im Einzelfall eben), dann sollte man eben nicht erschrecken. Dass das langfristig eine Umdenken zur Folge hat, also ein kleiner, heilsamer Schreck sein soll, impliziere ich hier.

    Sorry, aber ich finde, dass Soldaten auch Menschen sind, und man ihnen nicht so die kalte Schulter zeigen sollte. Es ist dekadent und falsch, denen die ganze Denkarbeit aufzubürden und zu sagen: wir sind die Mehreren, wir sind die Schwereren. ich meine damit, ich weiß nicht , wie man sie mehr in die Mitte der Gesellschaft bringen kann. Aber das ist die Bringschuld des Restes der Gesellschaft. Wenn man es nicht tut, dann eben bitte nicht erschrecken, über die Autarkie der Soldaten. Sie sind weiterhin überdurchschnittlich vorbildliche Demokraten und keineswegs „Staat im Staate“- das sollte man dann auswendig gelernt haben, um nicht zu erschrecken. Sie sind eben organisiert und sehr selbstständig. Dadurch entsteht immer ein klein wenig Parallelstruktur, das sieht man an der technischen Infrastruktur der Bundeswehr.

    Darum sollte man sie nicht beneiden, nur weil man sich nicht vorstellen kann, wofür genau die das brauchen. Es ist Menschenlos, sich nicht grauen zu lassen (beziehungsweise ein wichtige christliche Regel). Trotzdem muss man für den Verteidigungsfall vorsorgen. Dafür müssen die Soldaten so intelligent und / oder kreativ sein.
    Deren Autarkie ist eine Gratwanderung zwischen Kosten im laufenden Betrieb (Friedensfall statt dem Betriebsunfall= Verteidigungsfall) und der Verteidigungsfähigkeit des Landes. Und eine Gratwanderung ist das ganze Leben. Also, mit dem Teufel geht es hier jedenfalls nicht zu. Amen und gutes neues Jahr. Gott schütze unsere Soldaten in 2020! Gruß
    Al

  5. Alexander sagt:

    PS.
    ich wollte noch schreiben, dass das Soldatenleben natürlich nicht eine durchweg schöne Angelegenheit sein dürfte.
    Man geht dort auch wegen des Soldes hin.

    Es ist eben so, wie der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe sagt:
    sinngemäß; so ist der Mensch:
    solange es nützt, nimmt man an, sobald etwas schadet, schlägt er drein.

    Also: ich bemängele, dass man Soldaten nicht korrekt behandelt und sage: ich mache da nicht mit, sondern frage dann vielleicht, ob hier nur Anbiedern vorliegt oder die oder der Soldat einem etwas getan hat. Das ist übrigens bis in die Spitzen der intellektuellen Gesellschaft möglich. Ich hoffe, ich habe Sie weder gelangweilt noch überfordert (die Hoffnungs stirbt bekanntlich zuletzt). Mein Wissensvorsprung soll eben verhindern, dass man sich erschreckt, wenn man feststellt, dass Soldaten sehr wenig auf fremde Hilfe angewiesen sind. Wenn die sagen, sie wären es, dann ist bereits die Verteidigungsfähigkeit des Landes nur noch bedingt vorhanden. Wir beispielsweise haben nach einem Wehrdienstbeschädigungsfall in der Familie noch Kontakt zu Soldaten in Form von offiziellen Veranstaltungen und einen besten Freund, der auch Soldat war. Hoffentlich profitieren die Soldaten davon, uns geholfen zu haben. Das wäre dann ein Beispiel für Nachhaltigkeit, die übrigens auch Geld spart. Es ist letztlich die Mühe, sich ein bisschen mehr von Soldaten abzugucken, und dann als Gegenleistung nicht schlecht über sie zu sprechen- und, bitte: wählen gehen…

    Das Wichtigste ist die Nüchternheit- ich denke, das klappt ja im Privaten bei den Meisten sehr sehr gut, dann bitte auch im Umgang mit der Bundeswehr.

    (Leute aufklären macht mir Spaß, und so wäre ich Lehrkraft mit Bundeswehrhintergrund- so sichere ich mir übrigens die nötige Aufmerksamkeit, zumindest im Kollegenkreis mitunter. Das Gemisch ist offiziell immer noch selten, aber funktioniert nachweislich, nicht nur bei meiner Wenigkeit).

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