Die sollen sich an die Regeln halten!

Nicht erst seit Heinz Buschkowskys und Kirsten Heisigs Beschreibung der Auffälligkeiten in Neukölln und Kreuzberg ist das Wort Parallelgesellschaften ein Kampfbegriff und damit ein Werkzeug für Desinformation, Agitation und Hetze aller Art von Rechts und von Links.
Aber wie entstehen solche Parallelgesellschaften? Und wer leistet der Entstehung Vorschub? Der Versuch, einer oberflächlichen Analyse:

Parallelgesellschaften sind eine menschliche Normalität. Immer und überall. Sie bedürfen dazu aber einiger essentieller Voraussetzungen, die in Deutschland leider recht ausgeprägt sind:

  1. Die eigentliche Gesellschaft hat keine gemeinsame Identität.

    In Deutschland eine Folge der eigenen Geschichte. Man kann von Adenauer halten, was man will, was der Alte aber erkannt hat, war, daß nach der Nazizeit ein zutiefst zerstörtes Gemeinwesen etwas benötigt, auf das es sich besinnen und einigen kann. So war seine Politik angelegt, die neben einer Rückkehr zum Alltag und auch zu Wohlstand leider eben auch zu Globke und Oberländer geführt hat. Die damit unglücklicherweise einhergehende Verweigerung, sich der jüngsten Vergangenheit zu stellen und die Verantwortung dafür zu sehen und zu übernehmen, hat die Entstehung einer neuen, einer demokratische geprägten Identität nachhaltig verhindert und hat zudem den Boden bereitet für die Auswüchse der in Teilbereichen durchaus berechtigten 68er Bewegung.

  2. Die eigentliche Gesellschaft hat keine oder nur wenige gemeinsame Regeln.

    Basierend auf der 68er Bewegung entstand ein Klima der Anarchie. Alles, aber wirklich alles, was alt erschien, wurde negiert und diskreditiert. Ohne Sinn und Verstand. Und wenn doch, dann mit umstürzlerischen Absichten. Liest man heute die Mitschnitte von Diskussionen von Dutschke, Mahler, Rabehl und anderen Leitfiguren, dann packt einen das nackte Grausen, wie nah deren Menschenverachtung an der ihrer Väter lag. Geändert haben sich seinerzeit nur die Menschengruppen, die verachtet wurden. Daß Ausmaß und die Konsequenz waren identisch (Vergleiche dazu: Götz Aly – Unser Kampf 1968 – Ein irritierter Blick zurück, 2008). Einige haben ja immerhin konsequenterweise die Seiten gewechselt und verachten jetzt im rechten Lager.

    Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens wurden Stück für Stück außer Kraft gesetzt. Nicht de jure, aber de facto. Die Staatsmacht, die mit ihrem Gewaltmonopol deren Einhaltung sicherzustellen hatte, wurde diskreditiert oder zu Verbrechern (Faschisten) erklärt, gipfelnd in dem so dämlich wie falschen Ausspruch: Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
    Daraus folgend waren alle die, die sich an Regeln hielten oder deren Einhaltung einforderten bestenfalls bourgeoise Spießer oder meistens schlicht „Faschisten“.
    Dieser gesellschaftliche Spaltpilz, eines der größten „Verbrechen“ der 68er, wirkt bis heute und die momentanen gesellschaftlichen Entwicklungen sind unmittelbare Folge davon.

    Weitere Folge ist der Rückzug der Staatsmacht, der dazu führte, daß die Einhaltung der „Regeln“ die bestehen, nicht oder nur sporadisch überwacht oder deren Übertretung nicht oder nur halbherzig und nach dem Prinzip des geringsten Widerstandes geahndet wird.

  3. Die eigentliche Gesellschaft hält Regeln für grobe Handlungsempfehlungen.

    Diese nachlassende gesellschaftliche Regelüberwachung führt unmittelbar dazu, daß der Einzelne seinen persönlichen Vorteil in jedem Falle über die Gemeinschaft stellt und im Zuge dessen gemeinschaftliche Belange als Einschränkung seiner persönlichen Freiheit empfindet. Daraus folgt eine fortschreitende Verantwortungslosigkeit des Einzelnen für das Gemeinwesen und im Weiteren auch für sein eigenes Handeln, wenn dieses Handeln mit dem Aufbegehren gegen bestehende Regeln und deren empfundene Unsinnigkeit oder gar Freiheitseinschränkung gerechtfertigt wird.

  4. Die eigentliche Gesellschaft ersetzt gemeinschaftliche Regeln durch moralische Regeln.

    Da der Mensch nicht für Anarchie gemacht ist, müssen trotzdem Regeln vorhanden sein, die als Leitlinien dienen. Dazu gab und gibt es das breite Portfolio der moralischen Regeln, die von Meinungsführern postuliert werden und deren Einhaltung von wechselnden Mehrheiten eingefordert und überwacht wird. Da Moral aber eben nicht allgemeingültig, sondern individuell ist (sonst wäre sie ja Gesetz), entsteht dadurch eine fortschreitende Orientierungslosigkeit des Einzelnen und damit der Gesellschaft, in der dann jeder nur noch versucht, irgendwie durchzukommen. An dieser Stelle betritt dann langsam der alte Darwin die Bühne …

Fazit:
Die Migranten in solch eine Gesellschaft, die trotz aller Probleme wirtschaftlich durchaus erfolgreich ist (siehe dazu auch Ferdinand Tönnies – Gemeinschaft und Gesellschaft, Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen, 1887) und dadurch auf andere, weniger erfolgreiche Gemeinschaften eine gewisse Anziehungskraft ausübt, bekommen sehr schnell mit, daß ihr mitgebrachtes Gemeinschaftsverhalten mit der im Einwanderungsland gelebten Gesellschaftsform inkompatibel ist. Regeln erleben sie als Empfehlungen und die gelebte Moral ist so vielfältig und so wenig greifbar, vor allem, wenn man deren Grundlagen nicht versteht, da man nicht in dem entsprechenden Umfeld sozialisiert ist. Also leben sie das, was sie kennen und nehmen die von außen kommenden Einflüsse konsequent nach Nutzen und Schaden entweder mit oder lehnen sie ab. Was das für Auswirkungen auf die eigentliche Gesellschaft hat? Darwin ist immer noch auf der Bühne …

Gesellschaften, in denen die vier genannten Punkte nicht ganz so ausgeprägt oder mitunter gar nicht auftreten, sind etwas resistenter gegen diese Entwicklung. Auch sie üben eine Anziehungskraft aus, aber sie haben (noch) die Kraft, auf ihr System zu pochen und damit den Migranten zu signalisieren, daß sich ihr Gesellschaftsmodell zwar auch von dem mitgebrachten Gemeinschaftsmodell unterscheidet, daß aber das Grundgerüst (Regeln und deren Einhaltung, idealerweise gepaart mit sinnvoller Begründung dazu) gleich ist und nur eine Anpassung daran Erfolg bringt.

Wo diese vier Punkte kein Thema sind, gelingt üblicherweise die Migration am effektivsten. Beispiele sind Kanada, Australien, die USA der Jahre vor Nixon und in besonderem Maße die Schweiz.

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