Alle lieben Greta

Man kennt das. Es gibt ein Ereignis oder eine Person oder beides, es wird berichtet, irgendwelche wichtigen oder vermeintlich wichtigen Menschen ahnen, was die Stunde geschlagen hat und „liken“, was das Zeug hält. Die Presse merkt, da entsteht etwas, bei dem man dabei gewesen sein muß und berichtet zunächst zaghaft, um nicht zu weit vorn mitzulaufen, und um, sollte sich das Ereignis als Luftnummer entpuppen, wieder sauber aus der Nummer herauszukommen.

Wenn allerdings die Tagesschau berichtet und womöglich die Tagesthemen das Ereignis aufgreifen, ist alles klar: Man muß das gut finden, darf auf keinen Fall mehr ohne zustimmende Meinung dazu vor Mikrofone treten. Alle üblichen Verdächtigen sind ganz klar dafür, da kann man ja schlecht beiseite stehen oder gar öffentlich nach dem Sinn fragen oder dergleichen.

Momentan also Greta und das Klima. Keine TV-Sendung, in der nicht das Thema angeschnitten wird, alle eingeladenen Gäste sind selbstverständlich ganz Feuer und Flamme, alle finden es gut, „daß sich die Jugend wieder für etwas engagiert“.

Stimmt, die Jugend hat vom Smartphone aufgeblickt und festgestellt, daß die aktuellen Likes nicht mehr nur auf dem Bildschirm erteilt werden, sondern diesmal ausnahmsweise im Real Life.  Also begibt sich „die Jugend“ in dieses bisher eher verschmähte Real Life und engagiert sich.

Für was? Ach ja, fürs Klima. Fürs Klima? Fürs Klima.

Auch, wenn die Rundfunkanstalten entgegen ihrem Auftrag Stimmung machen, indem sie alle die, die diesem jugendlich-ungestümen Engagement kritisch gegenüberstehen, entweder als korinthenkackerische Paragraphenesel in den Schulbehörden darstellen oder in die Nähe der AfD rücken, weil deren Anhänger in Mehrheit eine kritische (allerdings auch irrationale) Einstellung zum Thema Klimaschutz haben, muß Raum bleiben für Fragen nach der Sinnhaftigkeit dieses Hypes:

  • Auf hunderten von Pappschildern und Bannern, die die Schüler mitführen werden Politiker und Industrie aufgefordert, endlich „etwas“ zu tun. Bloß was?

  • Alle Schüler, die auf den Straßen befragt wurden, sondern die gleichen Sätze ab, die wie auswendig gelernt wirken und nicht klarwerden lassen, was „die Politik“ und „die Wirtschaft“ denn jetzt eigentlich tun sollen. Aber sie sollen sofort etwas tun. Die drängende Frage, die jeder Reporter stellen müßte, wäre: Nur was? Macht aber niemand.

  • In dem Thema ist mittlerweile sehr viel Moral und Emotion, was der Erörterung der sachlichen Aspekte der Thematik nicht gerade entgegenkommt. Was bedeutet denn, sich für Klimaschutz zu engagieren? Sich freitags zu Schulunterrichtszeiten auf die Straße zu stellen und zu fordern, daß andere „etwas“ tun? Ich fürchte, das wird, außer Medienpräsenz, zunächst keinen weiteren Nutzen haben.

Wenn sich der Pulverdampf der Emotionen verzogen hat und die Moralinsäure verdunstet ist, sieht man vielleicht etwas klarer. Ich spitze einmal die Lippen und versuche, die Nebel etwas wegzupusten. Ich warne aber sensible Gemüter – es kann sein, daß es polemisch wird. Grausam in der logischen Konsequenz wird es auf jeden Fall:

Die Schadstoffe, die das Klima negativ beeinflussen, entstehen durch Vorgänge, auf die ein Mensch, der in der Vollkasko-Umgebung mitteleuropäischer, nordamerikanischer, japanischer, ozeanischer und mittlerweile auch chinesischer Art lebt, nur schwerlich verzichten kann und vor allem ungern verzichten möchte.

  • Heizungen resp. Klimaanlagen, Autos, öffentlicher Nahverkehr, egal, ob mit fossilen Brennstoffen unmittelbar oder mittelbar (E-Antriebe) betrieben, produzieren unentwegt Schadstoffe, die erwiesenermaßen Einfluß auf klimatische Entwicklungen haben.

  • Unzählige Helfer, die den Alltag erleichtern, werden mit elektrischer Energie in solchen Mengen gespeist, die beim besten Willen nicht allein mit dem Strom betrieben werden können, der nicht aus Kernenergie oder fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Wer mag auf sein Smartphone, sein Tablet, seinen Wasserkocher, seinen Netflix-TV, seinen Kühlschrank, seine [beliebiges stromverbrauchendes Gerät einsetzen] verzichten?

  • Nahrungsproduktion für mittlerweile sieben Mrd. Menschen, sei es nun vegan oder auf Fleischkonsum ausgerichtet, verbraucht eine Menge an Energie, die allein schon ausreichend ist, das Klima nachhaltig zu beeinflussen. Vegan bedeutet übrigens nicht, daß zur Herstellung der fleischlosen und tierverwertungsneutralen Nahrung weniger Energie verbraucht wird. Sie wird nur anders verbraucht.
    An dieser Stelle offenbar sich nebenbei bemerkt ein Maß an Unkenntnis nicht nur der Schüler (denen sei es noch verziehen), sondern auch den berichtenden Medien, die nicht müde werden, darauf hinzuweisen, daß Greta Veganerin ist. Den Nachweis, daß die Welt gerettet ist, wenn alle Menschen konsequent auf die Tierverwertung verzichten, konnte bislang aus logischen Gründen noch niemand erbringen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, man kommt nicht daran vorbei, daß auf der Welt mittlerweile 100% mehr Menschen leben, als noch 1970. Und diese 100% mehr verbrauchen schlicht auch 100% mehr Ressourcen, als noch 1970 verbraucht wurden. Wollen wir, die wir jahrelang in Saus und Braus gelebt haben, dem Rest der Welt vorschreiben, daß sie die „Segnungen“ der Zivilisation, die uns lieb und teuer geworden sind, jetzt nicht mehr erleben bzw. verwenden dürfen, weil wir sonst alle an zu großer Hitze oder steigenden Meeresspiegel sterben werden? Mit welchem Recht? Und vor allem: Mit welchem Erfolg? Es erwartet doch hoffentlich niemand, daß die Menschen in China oder in Afrika sagen werden: Klar, wenn das so ist, dann leben wir eben so weiter, wie bisher und verzichten auf all die tollen Dinge, die wir gerade erst kennengelernt haben. Wir werden weiter Fahrrad fahren, statt Auto, und wir werden weiter schwitzen, statt Klimaanlagen zu verwenden. Und natürlich werden wir im Winter Pullover anziehen, statt Heizungen einzubauen.

Denkt man diesen Gedanken zu Ende, bleibt als Resümee: Wir sind zu viele. Und wir werden mehr. Gerade in den Ländern, die zu den traditionellen Hungerleidern der Welt gehören, ist die Reproduktionsrate auf eine Höhe geklettert, die erwarten läßt, daß sich die Bevölkerung in 25 Jahren verdoppelt.

Und jetzt darf jeder für sich und ganz heimlich darüber nachdenken, wie wir Menschen dieses Problem lösen können bzw. lösen werden. Wem dabei die Vokabeln „Thermonuklearer Weltkrieg“ oder „Weltweite Seuche“ in den Sinn kommen: Keine Angst, die Gedanken sind ja heimlich. Weiß ja keiner.

Aber alle lieben Greta. Und alle zusammen jetzt: Bitte laut im Wald pfeifen. Sie sind nicht allein …

PS. Ein letzter direkter Hinweis an die demonstrierenden Schüler sei mir noch gestattet:
Es ist gut, wenn man sich für eine Sache engagiert. Aber unabdingbar ist zuvor, sich darüber klar zu werden, ob man Teil der Lösung oder Teil des Problems ist. Teil der Lösung ist Verzicht, so stellt es sich zumindest im Moment dar. Wollt Ihr das? Und wollt Ihr das konsequent? Dann dürft Ihr weiter demonstrieren. Ansonsten solltet Ihr zunächst Euren eigenen Anteil am Problem analysieren. Damit der Rest der Welt Euch tatsächlich ernst nehmen kann.

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2 Responses to Alle lieben Greta

  1. Friedrich A. sagt:

    Ein paar Anmerkungen:

    Jugend darf nicht nur ungestüm sein, sie muss es sein, um neue Wege der eigenen Entwicklung zu erschließen. Das ist notwendig, denn die Trampelpfade der Alten führen in die falsche Richtung!

    Jugend darf unwissend sein! Es ist die Aufgabe der Alten, den jungen Leuten das notwendige Hintergrundwissen zu vermitteln, ohne ihnen den Enthusiasmus zu nehmen. Wenn jede Schule jetzt Projekttage zum Thema Klima und Leben durchführen würde, hätten unsere Kinder und Enkelkinder schon viel Gutes erreicht und müssten nicht mehr „die Schule schwänzen“.

    Einer, der schon zu Beginn des Jahrhunderts einen nachhaltigen Weg in die Zukunft aufzeigte, war der Physiker Hans-Peter Dürr unter anderem in seinem Text „Die 1,5 KW-Gesellschaft“. Man findet den Text hier: http://www.gcn.de/download/D15KW.pdf.
    Bitte Lesen und weiterdenken!

    Ich liebe Greta!

  2. Andreas K. sagt:

    „Eine grobe Betrachtung ergibt, dass eine erste Halbierung unseres jetzigen Energieverbrauchs allein durch technische Maßnahmen – also intelligentere Formen der Energie-Erzeugung und der Energie-Nutzung ohne Schmälerung der Energiedienstleistungen – möglich sein sollte. Eine zweite Halbierung würde aber wohl nur durch eine Änderung unseres Lebensstils möglich sein. Diese zweite Halbierung stellt die eigentliche Herausforderung für uns dar. Um ihr wirksam zu begegnen, wird individueller guter Wille und Idealismus dringend nötig sein,…“

    Dieses Zitat aus dem Bericht zeigt, worauf es hinausläuft und es zeigt vor allem, daß der Umschwung in den aufgeklärten, freien Gesellschaften durchaus möglich ist. Da aber die Anzahl der Menschen in den Gegenden der Welt, die eben nicht zu dieser freien aufgeklärten Welt gehören, unaufhörlich wächst und mit ihnen der Anspruch, eben nicht zu verzichten, sondern endlich zu konsumieren, steigt, halte ich diese Überlegungen zur Energievrebrauchseinsparung für akademisch im Sinne von naturwissenschaftlicher Betrachtung.
    Akademiker aus dem Bereich der Sozialpsychologie werden Antworten parat haben, die deutlich pessimistischer sind.

    Leider blendet der Physiker diesen Teil der Natur (eben die menschliche) vollständig aus und verletzt dabei einen der Grundsätze der Naturgesetze, daß alles mit allem im Zusammenhang steht und die Welt vernetzt ist und die Wechselwirkungen nicht neutralisiert werden können.

    Noch ein letzter Hinweis: Eine chinesische Staatsführung bspw. , die dem gerade sich zu einem bescheidenen Luxus hin entwickelnden Volk erklären würde, daß das alles aus Umweltgründen jetzt wieder gestoppt oder zumindest verlangsamt werden müsse, begeht Selbstmord. Es ist also utopisch, daß sich ein gelenkter Staat mit 1,4 Mrd. Menschen den Erkenntnissen der Umweltphysiker unterwerfen wird. Im Gegenteil. Die Chinesen importieren für ihre Expansion aus Australien Kohle in riesigen Mengen und halten damit zwei Volkswirtschaften über Wasser. Wie lange, ist dabei kein Kriterium. Weder für China, noch für Australien.

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