Himmel, es ist ein SUV – und dann noch ein Diesel

Emotionen sind momentan sehr gefragt. Kaum ein Thema, bei dem das geneigte Volk der Twitterer, Facebooker oder Instagramer ohne sie auskommen. Die interessierte Boulevardpresse läßt keine Gelegenheit aus, sich auf die Seite derer zu stellen, die für eine stabile Auflage sorgen sollen. Da dafür die in der Parteiendemokratie so ungern gesehenen wechselnden Mehrheiten notwendig sind, ist dieser Drahtseilakt eine unternehmensstrategische Meisterleitung, die fast nobelpreisverdächtig ist. (Nur zur Erläuterung: Den für Wirtschaftswissenschaften, falls jetzt jemand doch, wenn auch nur ganz kurz, an den für Literatur oder gar Frieden gedacht haben sollte).

In Deutschland ist seit jeher das Auto ein sicherer Kandidat für Aufregung, überbordende Emotionen und bisweilen völlig irrationale Reaktionen. Zu schnell, zu laut, zu viel und zu teuer waren bisher die Standardvokabeln – seit der Erfolgsserie der aus dem Matsch auf die Straße gewechselten und, ehrlichweise muß man sagen: ehemals, geländegängigen Fahrzeuge ist noch ein „zu groß“ hinzugekommen.
Zunächst als Ausweis eines mangelnden Umweltbewußtseins gescholten (ob ein E-Auto tatsächlich emissionsfrei ist, mag jeder für sich beantworten) mutiert es nunmehr, ausweislich grenzdebiler Plakatmaler, zum Mordwerkzeug.
Nachdem ein unglücklicher Fahrer anläßlich eines krankheitsbedingten Ausfalls vier Menschen getötet hat, startet unweigerlich und unter Mißachtung jeder Pietät die ganz große Windmaschine und bläst es denjenigen, die es tatsächlich gewagt haben, einen SUV zu kaufen (oder zu leasen, was wohl sachlich richtiger wäre) zusätzlich zum klimakatastrophenbedingten auch noch den moralinerzeugten und fäkal verunreinigten Sturm ins Gesicht.

Da emotional bedingte Ausfälle oder solcherart gefärbte „Diskurse“ in der Regel wenig bis nichts auf der Ergebnisseite zu verzeichnen haben, wäre es möglicherweise ganz hilfreich, sich mal mit ein paar Fakten zu befassen, die dieses Thema betreffen.
Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, daß die aufgezählten Fakten keinerlei wissenschaftlichen Unterbau haben, also allein der Zusammenführung von Zahlen und hoffentlich noch gesundem Menschenverstand entspringen und demnach jederzeit einer Neubewertung bei Hinzuziehung neuer oder unbekannter weiterer Fakten unterzogen werden können und somit keinerlei Anspruch auf den letztgültigen Wahrheitsgehalt haben. Auch auf Vollständigkeit der Faktenmenge möchte ich nicht bestehen. Es könnte also auch alles ganz anders sein.
Disclaimer-Ende.

Erster Fakt:
Ein großes und schweres Auto verbraucht mehr Ressourcen, als ein kleines leichtes Auto, insbesondere, wenn die Antriebsaggregate identisch sind.
Ein oft gehörter Einwand: Ein ABC QXG 2,3TDI sei genauso ressourcenverbrauchend, wie ein ABC 123Kombi 2,3TDI. Dagegen spricht die Physik. Physikalische Arbeit errechnet sich aus Kraft mal Weg und die aufzuwendende Kraft für 2.500 kg ist schlicht größer als die für 1.800 kg bei identischem Weg. Dazugerechnet noch den erhöhten Rollwiderstand durch deutlich breitere Räder mit mehr Auflage- und somit Reibungsfläche, entwertet es diesen Einwand rein mathematisch. Der Vergleich mit einem Kleinwagen (ABC 1,6TDI mit 1200kg und schmaleren Reifen) muß daher noch deutlicher ausfallen.

Zweiter Fakt:
Ein großes Auto benötigt deutlich mehr Platz auf der Straße und im Parkraum, als ein kleineres.
Zwei Dinge im Leben eines Autofahrers sind unumgänglich: Der irgendwann wie aus dem Nichts auftretende Stau und der nicht vorhandene Parkplatz an Stellen, an denen man ihn dringend und vor allem schnell benötigt. Daß Fahrzeuge mit 5 Meter Länge und mehr als 2 Meter Breite deutlich mehr Parkraum benötigen und zumindest die Länge des Staus stärker beeinflussen, als ein Fahrzeug mit 4 Meter Länge und 1,70 Meter Breite sollte eine Binsenweisheit sein. Angesichts der Tatsache, daß Parkraum in Großstädten im Allgemeinen und in den wegen ihrer engen Gründerzeitbebauung besonders geschätzten In-Vierteln im Besonderen nicht beliebig erweiterbar ist, erscheint der Umstand, daß gerade dort der Anteil an eher größeren Automobilen sehr hoch ist, besonders absurd.

Dritter Fakt:
Ein schwereres Fahrzeug mit mehr Masse verursacht bei Kollisionen auch ohne Personenschäden deutlich höhere Schäden, als ein Kleinwagen.
Allein aus dieser Tatsache heraus sollte es ableitbar sein, daß die Haftpflichtbeiträge der Assekuranzen, die sich u.a. auch an den durchschnittlich zu erstattenden Regulierungssummen orientieren, eher nach oben, denn nach unten enteilen.

Das sind, abseits aller emotionalen Gründe einige Sachargumente, die gegen ein großes Auto sprechen. Selbstverständlich gibt es auch sachliche Gründe für ein großes Auto. Die notwendige Zugleistung für Anhänger größeren Ausmaßes wird oft genannt. Die erhöhte Zuladung ist ein weiteres, das aber angesichts heutiger Kombiausmaße und Zuladungsgrenzen eher selten zum tragen kommt.
Die auch oft genannten Argumente des bequemen Einstiegs für ältere Fahrzeugnutzer und der Übersicht beim Fahren bedürfen einer näheren Betrachtung. Ohne Zweifel ist es mit etwas weniger beweglichen Knochen, die bei älteren Fahrern durchaus weit verbreitet sind, deutlich angenehmer, den zu erklimmenden Fahrer- oder Beifahrersitz auf Höhe des Allerwertesten vorzufinden, statt sich auf die Höhe einer Rennsemmel herabzulassen und, vor allem anderen, sich auch wieder aus dieser Tiefe auf Normalhöhe hervor zu quälen.
Aber bedarf es dafür eines Fahrzeuges mit den Ausmaßen eines Kleinlasters? Alle Anbieter haben seit längerem auch sogenannte Seniorenkutschen im Angebot, die mit solchen Zusätzen wie ABC Plus oder dergl. beworben werden. Die erfüllen den gleichen Zweck. Das Argument ist also nur begrenzt aussagekräftig.
Die erhöhte Sitzposition ist tatsächlich ein Luxus, den ich zu meinen Zeiten als Fahranfänger dahingehend zu genießen wußte, als daß ich liebend gern mit einem Bully unterwegs war, der dieses Fast-Lkw-Gefühl bediente und mich über den Rest der Verkehrsteilnehmer, wenn zwar nicht moralisch, so doch wenigsten physikalisch erhob. Heute jedoch ist dieser Vorteil mit jedem weiteren Fahrzeug ähnlichen Ausmaßes dahin. Wenn alle groß sind, ist der Einzelne wieder gleichgroß. Oder gleichklein, ganz nach Betrachtung.

Was bleibt nach all dieser Abwägung? Der wirklich einzige Vorteil an der leider sehr aufgeheizten und damit wenig erbaulichen Verbalschlacht ist, daß jetzt wirklich jeder die Gelegenheit hat, ganz unbeobachtet und für sich allein, idealerweise vor dem Spiegel mit Augenkontakt, zu fragen: Was sind meine Gründe für so ein Fahrzeug. Und mit der entweder ehrlichen oder selbstbetrügerischen Antwort – auch das muß jeder mit sich allein ausmachen und kann, muß aber nicht, einer ganz persönlichen Wertung unterzogen werden – wird er oder sie dann auch ganz persönlich leben müssen.

Ansonsten gilt: Was ich für ein Auto fahre, geht außer mich, das Finanzamt und die Versicherung niemanden etwas an. Allenfalls noch die finanzierende Bank.

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.